''Chau Tran''
© CHAU TRAN (QING LIAN)    ''Qing Lian''
© CHAU TRAN (QING LIAN)

CHAU TRAN, geboren 1949 in Süd-Vietnam als Sohn südchinesischer Eltern aus der Provinz Kanton, China.
Chinesischer Name Chen Ying Yi 陳英義, Künstlername QING LIAN 青濂.

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Diese kurze Erinnerung meiner Lebensgeschichte ist zum Andenken an enge Freunde meiner Familie, meine Kunstkollegen und Kameraden sowie meiner Freunde. An meine Familie besonders meine Eltern, die fast ihr ganzes Leben für uns geopfert hatten.

- im Frühjahr 2016 - Chau Tran (Qing Lian)


© CHAU TRAN (QING LIAN)



In der Strömung des Flusses



Der Anfang

Ich wurde im Jahr 1949 in Ba Xuyên, einer Provinz in Süd-Vietnam geboren, unter einem guten Stern! In der Familie 陳(Chen) als Nachname, nach den Regeln des Ahnenbuches der Familie als Mittelname 英(Ying) und als Vorname 義 (Yi). Für die vietnamesische Geburtsurkunde: Nachname Trần (陳), Vorname Châu (洲). In westlicher Schreibweise: Tran, Chau.

Meine Eltern waren als Kinder wegen der japanischen Kriegsverbrechen in China, bei denen auch wehrlose Zivilisten und Kinder massakriert wurden, ins Ausland geflüchtet. Als Erwachsene hatten meine Eltern sich in Süd-Vietnam kennengelernt und geheiratet.
Wir lebten in einer kleinen Provinzstadt und haben in einem Haus am Fluss gewohnt, der einen weiten, freien Blick hatte, genauso wie später das Haus in Saigon nach 1957. Mein Vater war oft auf Geschäftsreise und nicht zuhause. Meine Mutter regelte den ganzen Haushalt alleine mit vier Kindern. Es gab damals weder Waschmaschine, noch Kühlschrank oder elektrischen Herd und auch noch kein Leitungswasser. Jedes Haus hatte am Ufer eine Anlegebrücke, an der das Transportboot das Trinkwasser anliefern konnte. Ich weiß nicht, wie meine Mutter alles geschafft hat: Täglich einkaufen auf dem Markt, kochen, waschen, bügeln und . . . und . . . .und. . . . Meine Mutter musste uns sehr lieb gehabt haben, sonst würde sie das nicht geschafft haben. Erst als wir mit unserer Schwester fünf Kinder waren, bekam meine Mutter eine Haushaltshelferin.
Ich schaute als Kind gerne zu, wie meine Mutter arbeitete, besonders beim Bügeln und Kochen. Meine Mutter kochte leidenschaftlich, nicht nur chinesisch auch vietnamesisch. Als Kind hatte ich schon erfahren, dass ab und zu die Nachbarn bei meiner Mutter um Kochtipps baten. Es war für mich so interessant beim Kochen zuzuschauen und zu verfolgen, wie meine Mutter vorbereitete und kochte bis das Gericht fertig war. Dämpfen, kochen, braten, backen von normalen, alltäglichen Gerichten und Süßigkeiten und Gerichte für festliche Tage hatte ich dann irgendwie in meinem Gedächtnis gespeichert. Denn ich hatte noch nicht selbst in der Küche gekocht, und als ich 1979 allein in Deutschland lebte, fing ich an zu kochen und es fühlte sich so an, als ob ich schon immer gekocht hätte.

Wenn mein Vater von der Geschäftsreise zurückkehrte, hatte er immer etwas mitgebracht, was uns gefiel. Für uns, die Kinder, waren es Bonbons in bunten Blechdosen mit verschiedenen Formen, es war damals ein Luxus.
Rechts von unserem Haus ca. 200m entfernt, befand sich ein kleiner Marktplatz am Ufer. Gegenüber dem Marktplatz war über die Strasse dann ein großer Platz. Am Ende des Platzes stand ein Bühnenhaus, in das meine Eltern mit uns ab und zu in die Oper gingen. Als ich noch nicht sechs Jahre alt war, sind meine Mutter und meine beiden älteren Brüder hineingegangen, meine Schwester und ich mussten wegen unseren Alters mit unserem Vater wieder nach Hause gehen. Ich sollte schlafen, aber ich war so gespannt, was meine Brüder nachher über die Oper erzählten. Durch das Mückennetz sah ich, dass mein Vater immer noch im Schein des Glühstrumpfes der Gaslampe arbeitete. Mein Vater war immer schon ein fleißiger Mensch, ich wollte aus dem Mückennetz hinaus zu ihm gehen und sehen was er arbeitete, aber ich sollte schlafen! Mein Vater hatte das irgendwie bemerkt und kam ab und zu zu mir, und tröstete mich. "Im nächsten Jahr, wenn du älter bist, kannst du mit in die Oper gehen." Dann erzählte er mir ungefähr die Handlung des Stückes. Ich bin dann langsam eingeschlafen.

Die großen bemalten Leinwände, die vor den Bühnenhäusern für Opern oder Kinofilme warben, hatten mich schon immer fasziniert, schon damals als Kind. Damals gab es noch keine gedruckten Plakate und der Maler hat die Szene des Stückes ausgesucht, welches das Publikum am Besten ansprechen könnte, dann wurde es auf der Leinwand präsentiert. Manche gemalten Leinwände haben mich sehr angezogen und ich hätte dem Maler gerne bei der Arbeit zugeschaut.

Meistens fuhr mein Vater mit uns nach dem Abendessen, schonmal ohne meine Mutter mit dem Taxi oder der Rikscha aus der kleinen Stadt hinaus, wo die Landstraße bis zum Horizont führte. An beiden Seiten der Straße waren Reisfelder, die auch bis zum Horizont gingen. Es war fast kein Haus zu sehen, keine Bäume, und es gab auch keinen Straßenverker dort. An der linken Seite des Horizontes sahen wir ein Gebäude. Mein Vater erzählte, das sei der Flughafen von Sóc Trăng. Wir wünschten uns, einmal mit dem Flugzeug zu fliegen.
Wir saßen auf der breiten Wiese des Straßenrandes. Mein Vater war oft sehr ruhig und entspannt, wir pflückten wilde Blumen, spielten und beobachteten die Insekten bis fast zum Sonnenuntergang. Das Taxi oder die Rikscha wartete solange auf uns, sonst könnten wir nicht zurückfahren. Später flog ich mit meinem Vater, meiner Mutter, meinen zwei älteren Brüdern, einer jüngeren Schwester und einer Haushaltshilfe nach Saigon. Fliegen, dorthin wo mein Vater arbeitete, ein Erlebnis. Wir wurden von den Freunden und Bekannten meines Vaters sehr gut empfangen! Die Hauptstadt der Republik Süd-Vietnam und die kleine Provinzstadt waren für uns im Vergleich wie Himmel und Erde!

Als ich fünf Jahre alt war ging ich in die chinesische Schule. Nach einem Jahr fand ich die Schule langweilig, der beste Schulkamerad von mir sagte auch: "Die (Lehrerin) wiederholt es dauernd! Und wir müssen das auch. Ich kann schon alles." Wir haben uns ab und zu im Unterricht unterhalten, erzählten und wurden deshalb oft von der Lehrerin ausgeschimpft.

An einem Nachmittag, meine Mutter unterhielt sich mit Tante 林 (Lin) im Vorzimmer (In der chinesischen Sprachkultur bedeuten Worte wie "Tante", "Onkel" auch enge Freunde der Familie, anders als in der deutschen Sprache, in der "die Tante da" oft nicht positiv gemeint ist). Ich saß am Tisch und versuchte Papier zu Tierfiguren zu falten nach der Vorlage, die Tante Lin mir geschenkt hatte. Plötzlich erschien die Mutter meines besten Schulkameraden und nach einer normalen Begrüßung sagte sie: "War sie schon bei Ihnen, die Lehrerin? Sie hat sich beschwert, dass mein Sohn dauernd während des Unterrichts mit ihrem Sohn spielt und nicht lernt. Mein Sohn ist unterfordert . . . . . . Die sollten jeden Schüler individuell unterrichten. Ich war auch mal Lehrerin . . . . . ." Die Situation kam zu plötzlich, meine Mutter wusste noch nicht, wie sie sich dazu äußern sollte, da sagte Tante Lin: "Beruhigen sie sich, es wird geregelt werden." Die Mutter meines besten Schulkameraden verabschiedete sich, die Ruhe kehrte zurück.
Nach ca. 20 Minuten als ich gerade meine Papierfigur meiner Mutter und Tante Lin zeigte, erschien meine Lehrerin: "Ich möchte mit Frau 陳 (Chen) sprechen." "Frau 张 (Zhang), bitte nehmen Sie Platz", antwortete meine Mutter. Ich laufe sofort zu meinem Tisch zurück. Die Lehrerin war überfordert, hatte Stress, sie erzählte, dass sie bei den Eltern meines Schulkameraden war und so enttäuscht von deren Verhalten war, sie seien nicht vorbildlich . . . . . und . . . . und . . . . und . . . . Dann sprach sie über mich. Erzählte, was ich im Unterricht getan hatte . . . . . usw . . . . . Ich hörte dann die Stimme von Tante Lin: "Ying Yi, komm und bring deine Bücher mit." Ich kam zu ihr. Tante Lin: "Welche Lektion hast du heute gelernt, lies mal vor!" Ich las unverzüglich vor und erklärte sogar den Inhalt. Als ich die nächste Lektion weiterlesen möchte, die ich mit Tante Lin schon gelernt hatte, unterbricht sie mich: "Ying Yi, das reicht", dann zu der Lehrerin: "Frau Lehrerin, er hat im Unterricht nichts versäumt, er hat alles verstanden!" Die Lehrerin hatte nichts mehr zu sagen. Sie war ein wenig ruhig geworden und verabschiedete sich höflich!

Eine Woche später, hatte meine Klasse wie immer am dritten Tag früher Schluss. Ich ging zum Sportplatz der Schule. Damals wie heute, gibt es an fast jeder chinesischen Schule einen Sportplatz. Fast alle Sportplätze von chinesischen Schulen im Ausland befinden sich an einem chinesischen göttlichen Tempel oder Ahnentempel, der auch die Adresse der chinesischen Assoziation ist. Der Sportplatz dient auch für Tempelfeste und als Zuschauerplatz für chinesische Opernbühnen. Rundum den Sportplatz, hinter oder an beiden Seiten sind Klassenzimmer.
Ich kletterte auf den Rücken eines Steinlöwen vor dem Eingang des Tempels, holte die Bücher aus der geflochtenen Schultasche heraus, blätterte zur Lektion, die heute unterrichtet worden war und las mit sehr lauter Stimme. Ich las so laut, dass die Lehrerinnen und Lehrer zu den Klassenzimmerntüren kamen und mir staunend zuschauten. Während ich weiterlas hörte ich im Hintergrund: "Das ist bestimmt ein Schüler von Frau Zhang, die haben heute früher Schluss", sagte eine Lehrerin. "Bestimmt", sagte eine andere. Ich liess mich nicht beeindrucken und las weiter. Plötzlich tippte jemand an meine Schulter, ich drehte mich um, es war ein Lehrer: "Wie heißt du, bist du in der Klasse von Frau Zhang?" "Ja, ich soll lernen", anwortete ich. "Du bist fleißig, . . . du sollst nach Hause gehen, deine Eltern warten schon auf dich. Wenn du spät nach Hause kommst, machen sie sich Sorgen um Dich . . . . . ." "Ja", ich packte die Bücher in die Tasche und ging.

Am nächsten Tag erschien meine Lehrerin nicht zum Unterricht, sie war krank! Ein Vertreter hatte uns nur bis zur ersten Pause unterrichtet, dann schickte er uns nach Hause. Auf dem Weg nach Hause erzählte ich meinem besten Schulfreund, was gestern passiert war. Er sagte: "Jetzt kann sie nicht mehr sagen, dass du nicht lernst. Sag mir beim nächsten Mal Bescheid, ich komme mit."

Einen Tag später, es war später Nachmittag, Tante Lin und meine Mutter waren konzentriert in einem Gespräch, erschien meine Lehrerin Frau Zhang und sprach sofort mit einem ärgerlichen Ton: "Frau Chen, . . . . ihr Sohn hat wieder die anderen Schüler beim Unterricht gestört. Diesmal die ganze Schule." Tante Lin fühlte sich bei ihrem Gespräch gestört. Als meine Lehrerin noch weiter erzählen wollte, sagte Tante Lin: "Ja, man hat mir schon alles davon erzählt. Ich habe auch schon erfahren, dass sie, Frau Zhang, sich bei fast allen Eltern ihrer Schüler über dies und das beschweren! Frau Zhang, manche Eltern müssen schon hart arbeiten, um die Kosten für das Überleben mit drei Mahlzeiten zusammenzubekommen, es kommen noch Schuluniform und Lernmaterial für die Kinder dazu. Als Lehrerin könnten sie behilflich sein, einen Teil der Erziehung der Kinder den Eltern abzunehmen. Das sind alles nur Kinder, man kann ihnen noch etwas beibringen, die Eltern wären ihnen dankbar!" Die Lehrerin fühlte sich von Tante Lin belehrt und fragte: "Wer sind sie, darf ich das erfahren?" Tante Lin wollte eigentlich nicht, anwortete dann aber: "Ich bin Frau Lin, Vorstandsmitglied der chinesischen Assoziation." Die Lehrerin: "Entschuldigung für die Störung." Meine Mutter: "Es wird nicht noch einmal vorkommen." Die Lehrerin hatte nichts mehr zu sagen, drehte sich um und ging, als ob sie es sehr eilig hätte.

Nach der Beschwerde der Lehrerin Zhang hatte der Direktor der Schule meine Mutter (mein Vater war auf Geschäftsreise), die Eltern meines besten Schulfreundes, ein anderes Elternpaar und uns Kinder zu einem Gespräch eingeladen. Auf vorherige Empfehlung von Tante Lin beschloss der Direktor, dass wir in einer höheren Klasse unterrichtet werden sollten. Wir waren mit dem Ergebnis des Gespräches einverstanden.

Meine Mutter hatte mir später erklärt: Tante Lin wurde in den Vorstand der chinesische Assoziation gewählt, der Vorstand der Gesellschaft organisierte die Spenden, die chinesischen Schulen, Krankenhäuser und Tempelfeste. Die Leute der Gesellschaft waren sehr angesehen.

Zwischen Tante Lin, ihrer Tochter und unserer Familie entstand über die Jahre nicht nur ein sehr vertrauensvolles Verhältnis, sondern auch eine familiäre Freundschaft.
Die Zeit verging . . . . . . und später, als wir schon fast zehn Jahre in Saigon gelebt hatten, erfuhren wir von Tante Lin's Tocher, dass sich Tante Lin von der Welt verabschiedet hatte. Mein Mutter war sehr traurig, wir auch. Tante Lin und ihre Tochter waren zwei der engen Freunde unserer Familie und besonders Tante Lin und meine Mutter waren vertraute Gesprächspartner.
Als die Tochter uns später in Saigon besuchte, erzählte sie, dass sie beim Besuch ihrer Mutter, wie immer für beide zusammen das Abendessen kochte. Nach dem Essen, wie üblich, spülte die Tochter das Geschirr ab, Tante Lin saß auch wie gewöhnlich auf ihrem Sessel und beide unterhielten sich über alle möglichen Themen. Dieses Mal hatte Tante Lin ein Fotoalbum in der Hand. Sie blätterte während des Gespräches durch. Als die Tochter keinen Ton mehr von Tante Lin hörte, drehte sie sich um und sah, dass ihre Mutter den Kopf an den Lesesessel lehnte und eingeschlafen war. Die Tochter hatte gedacht, dass der heutige Ausflug für ihre Mutter wohl ein wenig zu anstrengend war. Als das Geschirr fertig gespült war, kam sie zu ihrer Mutter, wollte das Fotoalbum aus den Händen ihrer Mutter nehmen, aber sie konnte es nicht, weil die Mutter es sehr fest hielt. Da merkte sie, dass ihre Mutter nicht mehr atmete. Es war das erste Fotoalbum mit den Fotos, als Tante Lin noch ein Kind war, mit ihren Eltern in ihrem Elternhaus in China, Fotos von glücklichen Tagen mit ihrem Mann und Tocher in China, Fotos mit meiner Mutter, sowie das Gemeinschaftsfoto, als sie zum ersten Mal in den Vorstand der chinesischen Assoziation gewählt wurde.

Unsere Familie wurde als erstes von der Tochter per Telegramm informiert. Damit 霜兰 (Shuang Lan, Tochter von Tante Lin) sich nicht so allein fühlte, nahm mein Vater sich Zeit, obwohl er beschäftigt war, in die Provinzstadt zu fahren, um bei der Beerdigungszeremonie zu helfen. Meine Mutter wollte unbedingt auch hinfahren, konnte das aber nicht, weil meine jüngeren Geschwister noch klein waren und sie brauchten. Es kamen hunderte von Menschen zu der Beerdigung, weil Tante Lin in der Gesellschaft sehr angesehen war. Es war sehr aufwändig, obwohl sie, wie mein Vater später erzählte, zu Lebzeiten geäußert hatte, dass sie eine einfache Beerdigung unter engsten Freunden gewollt hätte.

Meine Mutter hatte uns erzählt, dass Tante Lin in einer wohlhabenden Familie in China aufgewachsen ist und 16 Jahre älter als meine Mutter war. Sie hatte studiert und wollte als Lehrerin arbeiten gehen, aber ihr Vater hatte kein Verständnis dafür.
In der Zeit in China, Vietnam und einigen asiatischen Ländern gingen die Frauen arbeiten, nur wenn die Familie in Not war. Besonders bei wohlhabenden Leuten wurde dadurch das Ansehen des Mannes oder der Familie beschädigt.
Ihr Vater hatte für sie einen Mann derselben gesellschaftlichen Schicht ausgewählt, den sie heiratete. Tante Lin hatte Glück, dass ihr Mann auch studiert war und ein modernes Leben führte. Die beiden verliebten sich auf den zweiten Blick und brachten glücklich eine Tochter zur Welt. Als die japanischen Kriegsverbrecher China angriffen, meldete der Mann sich freiwillig zum Kriegsdienst gegen die Japaner. Das Schicksal hat irgendwie dem Paar das Glück nicht gegönnt und der Mann wurde tödlich verletzt. Mit ihren leiblichen Eltern und ihrer Tochter gelang zusammen die Flucht aus China. In Süd-Vietnam hat sie schliesslich meine Mutter kennengelernt. Tante Lins Tochter hatte später auch studiert und ist Lehrerin geworden.

Tante Lin liegt mir heute immer noch am Herzen. Wenn ich an ihren Tod denke, werde ich irgendwie traurig. Aber, dass sie uns sanft verlassen hat, gibt mir wieder ein gutes Gefühl. Tante Lin, eine Frau, die sich sehr für die Gesellschaft engagierte, zuverlässig, glaubwürdig und herzlich.

Im Jahr 1954 wurde Vietnam durch das Genfer Abkommen (Indochinakonferenz) am 17. Breitengrad geteilt. Anstatt nach Norden abzuziehen blieb ein Teil der Kommunisten in der Demokratischen Republik Süd-Vietnam und bildete die Front der Befreiung Süd-Vietnams, genannt Việt Cộng und erklärte, für die Einigung von ganz Vietnam unter dem Kommunismus zu kämpfen. Außerdem kam es noch zum Aufstand der Khmer (Kambodschaner), die einen Teil ihres Landes von Süd-Vietnam zurückerobern wollten. Ursprünglich, von früherer Zeit bis zu Französisch-Indochina-Zeiten gehörte dieser Teil zu Kambodscha. Die erste Republik Süd-Vietnam zwang die Chinesen, die südvietnamesische Staatsangehörigkeit anzunehmen, nur so konnte man die Chinesen zum Militärdienst einberufen, damit sie für Süd-Vietnam kämpfen. Sonst hätten die Chinesen unter schwerwiegenden wirtschaftlichen Einschränkungen zu leiden gehabt. Das hatte auch zu Unruhen innerhalb der chinesischen Gesellschaft in Süd-Vietnam geführt, denn die meisten Chinesen wollten sich nicht an einem Krieg beteiligen.


Neuer Lebensabschnitt

Im Jahr 1957 war die Lage in der Provinz Süd-Vietnams sehr unruhig geworden. Mein Vater war oft auf Geschäftsreise und ich kann mich noch daran erinnern, dass meine Mutter uns in manchen Nächten weckte und wir uns auf den Boden legen mussten, wegen der Straßenschießereien der beteiligten Parteien: die Khmer, die Việt Cộng und die Soldaten der Republik Süd-Vietnam. Am nächsten Morgen sahen wir, dass unsere Schränke von Patronen durchbohrt waren. Die Nachbarn kamen zusammen, um über die Situation zu diskutieren und sich bei der Regierung zu beschweren, ohne Erfolg. Im selben Jahr entschieden meine Eltern nach Saigon umzuziehen. Zwei enge Freunde unserer Familie kamen später nachgezogen, Tante Lin wollte die Chinesen in der Provinz noch weiter betreuen. Beim Abschied sagten meine Eltern zu ihr, dass sie sobald wie möglich nachkommen soll, wenn sie kann. Tante Lin sagte zu mir: "Du schreibt mir", und zu meinen zwei älteren Brüdern "und du . . du schreibst mir auch." Wir anworteten: "Ja, liebe Tante Lin, komm schnell nach."

Saigon, in der Indochinazeit "Perle von Fernost" genannt, war für Reiche -wie überall auf der Welt- ein Paradies, für Arme die Hölle. Die Spuren der Koloniezeit konnte man sehr deutlich sehen.

Ich besuchte weiter die chinesische Schule, aber jetzt ganztags, weil nach dem neuen Gesetz, mussten die chinesischen Schulen nicht nur die vietnamesische Sprache lehren, sondern alle Fächer sowohl in vietnamesisch als auch chinesisch. Eine Hälfte war für die Schüler doppelt wie z.B. Physik, Chemie, Mathematik. In vietnamesischen Schulen gab es nur Halbtagsunterricht, entweder vormittags oder nachmittags. Natürlich war diese Regelung noch großzügig im Vergleich zu den Kommunisten im Norden: Dort gab es überhaupt keine chinesischen Schulen.

Nach sechs Jahren machte ich den Abschluss auf der chinesischen Schule. Mein Vater und ich entschieden, dass ich einen persönlichen Eignungstest machte, dessen Ergebnis uns bestärkte, mich direkt die Oberstufe der vietnamesischen Schule besuchen zu lassen. Der erste Grund: Das Abschlusszeugnis der vietnamesischen Schule ist offiziell mehr anerkannt als das chinesische. Wenn man möchte kann man damit studieren, obwohl man kann auch auf chinesisch fernstudieren über eine taiwanesische Universität, so hat es mein älterer Bruder getan. Der zweite Grund: An den gewonnenen halben Tagen kann ich mich darauf konzentrieren chinesische Geschichte und Literatur zu lernen. Dafür gab es die "培才学校 (Pei Cai Xue Xiao)/Talentförderschule", eine private chinesische Schule, in der alte chinesische Literatur und Geschichte unterrichtet wird.
Gleichzeitig konnte ich auch chinesische Tuschemalerei studieren. Zuerst bei Meister 陈树 (Chen Shu), aber nach einer kurzen Zeit entdeckte er, dass ich mehr für die Malerei der Literatenrichtung geeignet war und vermittelte mich zu Meister 陈宾杨 (Chen Bin Yang). Nach ca. ein paar Monaten wurde Meister Chen Bin Yang zum Militärdienst gerufen. An seine Stelle kam Professor Meister 陈章卿 (Chen Zhang Qing). Ein Meister der chinesischen Tuschemalerei, der auch Kenntnisse im westlichen Kunsthintergrund insbesondere im Bereich Aktzeichnung, Perspektive und Öl hatte. Danach hatte ich das Glück, dass der Professor 林清霓 (Lin Qing Ni) aus Hongkong eine Zeit in Saigon lebte und ich ihm Ausstellungen organisieren helfen und ihm bei seiner Arbeit über die Schulter schauen konnte. Das hat meinen Kunsthorizont sehr erweitert. Natürlich durfte auch Kalligraphie nicht fehlen, diese habe ich bei Meister 吴铁樵 (Wu Tie Qiao) studiert. Später besuchte ich auch die Kunstakademie in Saigon, für Zeichnungen und Ölmalerei. Dabei habe ich herausgefunden, dass ich mehr Gefühl und Leidenschaft für die chinesische Malerei habe.

Dieses Gefühl für diese Kunst, habe ich im Alter von 14 Jahren bei einer Ausstellung eines Meisters der chinesischen Malerei aus Taiwan schon stark gespürt. Er hatte mehr als 50 Bilder nur Bambus in chinesischer Tusche gemalt. Ich fühlte mich dadurch sehr angezogen und habe die Ausstellung mehrere Male besucht und zuhause selber leidenschaftlich versucht, das selbst zu malen. Diese Leidenschaft war der Hauptgrund für mich und überzeugte auch meinen Vater, dass ich mich entschieden hatte, chinesische Tuschemalerei, Geschichte und Literatur zu studieren.


Invasion 1968

Chinesisches Neujahr (gleichzeitig vietnamesisches Neujahr) im Jahr 1968: Trotz des Vietnam-Krieges und der in großen Städten und Hauptstädten wie Sài Gòn (Saigon) immerwährenden Gefahr eines Raketenbeschusses von den Kommunisten feierten die Menschen und die Stadt war trotzdem voller festlicher Stimmung. Man dachte, der Krieg sei von Saigon noch ein wenig entfernt.

Die Ahnen- und Gottesaltare in jedem Haus waren mit besten Opfergaben und Blumen von Herzen bestückt. Die Räucherstäbchen dufteten bis an die Haustüren. Die Erwachsenen waren mit den traditionellen Sitten und Gebräuchen beschäftigt und beteten für Gesundheit und dass der Krieg bald vorbei sei. Denn jede Familie hatte in ihren Reihen jemanden, der sich am Krieg beteiligt, auch meine zwei älteren Brüder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Wenn man genau hinschaute, waren die Sorgen in die Gesichter jedes Erwachsenen geschrieben. Auch in denen meiner Eltern.

Die Kinder waren sorglos. Wie üblich hatten sie zu diesem Fest neue Kleidung an und bekamen von den Eltern Geld in einem kleinen, roten Umschlag. Sie zeigten und erzählten sich gegenseitig stolz, wieviel sie von den Eltern geschenkt bekommen hatten und was ihre Familie auf dem Altar geopfert hatte. Überall in jeder Straße und Gasse hörte man die Explosionen von Neujahrs-Böllern und -Krachern. Nicht nur die Jugendlichen sondern auch die Erwachsenen zündeten die Böller und Kracher an, um das Böse zu vertreiben und das Glück zu empfangen.

Nachdem ich das Wohnzimmer festlich geschmückt hatte, klebte ich die Neujahrsspruchpaare an die Türen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass oben über der Haustür stand: "五福临门 / Fünffaches Glück kommt über die Familie." Rechte Seite der Tür: "天增岁月人增寿 / Der Himmel vermehrt sich in Jahren und Monaten, der Mensch verlängert sein Leben." An der linken Seite der Tür: "春满乾坤福满堂 / Voller Frühling auf der Erde und volles Glück im Empfangssaal." Das waren berühmte, übliche Wandsprüche, die sehr gut in die Zeit passten und auch was die Menschen in der Zeit brauchten.

Man glaubte, womit man sich am Neujahrstag beschäftigte oder was man dann bekam, damit beschäftigte man sich und bekommt ebendas auch das ganze kommende Jahr. Deswegen beschenkte man die Kinder mit Geldtüten, als Symbol für Wohlstand. Das ist für mich auch heute noch ein Aberglauben, aber wenn ich das geschenkt bekam, freute ich mich trotzdem! Ich hatte in dem Moment vor, die fröhliche Stimmung auf dem Xuan-Papier festzuhalten. Ich bereitete mich vor, ein Bild mit eben dieser Stimmung zu malen. Die Tusche wurde gerieben, die Pflanzen- und Mineralfarben wurden vorbereitet. Nach kurzer Zeit war alles bereit zum Malen. Um den Frühling zu empfangen sollte ein Bild mit verschiedenen Blumenarten gemalt werden. Zuerst fing ich an mit einem Zweig von chinesischen Pflaumenblüten, einer Blüte, die das Symbol für Unbeugsamkeit und Aushalten ist und das fünffache Glück bringt . . . . . . . . Es fehlen für diese erste Blumenart nur noch die Staubgefäße. Als ich sie fertig malen möchte, rief mein Vater plötzlich: "Yi (mein chinesischer Name), komm mal hören."
Im Radio hörten wir die Stimme des Präsidenten der Republik Süd-Vietnam: "An das Volk. Ich bin der Präsident der Republik Vietnam. Das gesamte Volk soll bitte sofort aufhören, Feuerwerk zu zünden. Alle Offiziere und Soldaten, die im Urlaub sind, sollen sofort mit allen Möglichkeiten zu ihren Einheiten zurückkehren. Invasion der Kommunisten. Alle Bürger sollen im Haus bleiben und das Radio und Fernsehen dauernd eingeschaltet lassen und die Berichte verfolgen." Diese Aussage wurde im Minutentakt im Radio dauernd und ununterbrochen wiederholt. Mein Vater hatte mir auf die Schulter geklopft. Ich rannte sofort aus dem Haus und rief laut: "Bitte alle sofort mit dem Anzünden von Böllern aufhören und das Radio einschalten. Invasion der Kommunisten! Invasion der Kommunisten!" Ich informierte noch einen Teil der Nachbarn und empfahl ihnen, die Nachricht weiterzugeben. Alle Neujahrsprogramme des Radios und des Fernsehens wurden gestrichen, es gab nur noch die Ansage des Präsidenten Nguyễn Văn Thiệu in dauernder Wiederholung.

Die Armee des kommunistischen Nord-Vietnam und die Việt Cộng hatten geplant, dass in dem Moment, in dem die Menschen in der Republik Süd-Vietnam den Krieg vergessen hatten und voller Stimmung für die Neujahrsfeiern waren, den Moment auszunutzen, um die Invasion zu ermöglichen. Die Gewehrschüsse sollten die Armee der Republik Süd-Vietnam und die Bevölkerung mit Böllern und Krachern verwechseln.

Obwohl es eigentlich ein Waffenstillstandsabkommen gab, hatte die kommunistische Seite immer wieder die Vereinbarung gebrochen. Auch viele große Städte in Süd-Vietnam wurden von ihnen unter Raketenbeschuss genommen und viele wehrlose Zivilisten getötet. Wie Medien berichteten, hatten die Kommunisten vorher sogar von sich aus einen Waffenstillstand für die drei Neujahrstage vorgeschlagen, der dann von beiden Seiten vereinbart worden war. Deswegen wurden 50% der Soldaten Süd-Vietnams beurlaubt, damit sie nach Hause gehen und mit ihren Familien zusammengeführt das Neujahrsfest feiern können, wie es Tradition ist. Vergleichbar ist das mit dem Heiligen Abend im Westen.

Ohne Vorwarnung hatten die Armee der Volksrepublik des sozialistischen Nord-Vietnam und die Front der Befreiung Süd-Vietnams (Việt Cộng) viele Orte und Städte Süd-Vietnams angegriffen. Hauptziele waren natürlich auch die Städte Saigon, der Regierungssitz, an dem sich auch die US-Botschaft befand, und Huế, die königliche konservative Stadt, die viele Traditionen, Sitten und Gebräuche laut der Lehre von Konfuzius, Laotse und Buddha noch streng befolgte.

Die Armee des kommunistischen Nord-Vietnam und die Việt Cộng drangen in Saigon in die Häuser der Zivilisten und nahm diese als Schutzschild, darunter war auch die Familie eines ehemaligen Schulkameraden von mir. Sie zwangen die Leute sie zum Präsidentenpalast, Regierungssitz, der US-Botschaft und zur Fernseh-/Radiostation zu führen. Sie sprengten Löcher in die seitlichen Wände der Häuser, um sich so den Weg weiter zu bahnen. Draußen auf der Straße waren den amerikanischen Soldaten und denen der Republik Süd-Vietnam quasi die Hände gebunden. Trotzdem hatten die vietnamesischen Soldaten des Südens und die Verbündeten Saigon zurückerobert. Das hatte wochenlang gedauert.
Viele Orte in Saigon, auch das Chinatown in Chợ Lớn waren unbewohnbare Ruinen geworden. Zahlreiche Zivilisten sind auch durch die Invasion gestorben. Später konnte man im Fernsehen sehen, dass überall in den Straßen Leichen von Zivilisten und von den Soldaten beider Seiten lagen. Als das US- und südvietnamesische Unterstützungskommando bei der US-Botschaft ankam, haben sie die Botschaftsmitarbeiter und das Wachpersonal tot vorgefunden. Das Botschaftsgebäude war komplett verwüstet.

Bei der Zurückeroberung Saigons wurde der General Nguyển Ngọc Loan, Chef der Polizei der Republik Süd-Vietnam, von den ausländischen Kriegsfotografen dabei erwischt, wie er Nguyển Văn Lém, einen Việt Cộng-Spionageoffizier der Front der Befreiung Süd-Vietnams, auf der Straße hingerichtet hatte. Dieses Foto ging um die ganze Welt und verursachte große Empörung. Vor Fernsehkameras aber erzählten viele Augenzeugen, darunter auch Kriegsgefangene, die auf die Seite der wohlhabenden Republik Süd-Vietnam gewechselt hatten, dass die Kriegsgegner nichts anderes getan hätten. Die Medien in Saigon berichteten später, dass die Frauen und Kinder der Offiziere der Armee der Republik Süd-Vietnam auch sofort hingerichtet wurden, egal ob sie aussagten, wo ihre Männer sich gerade befanden oder nicht. Lebend würden die meisten Kinder dem Weg ihrer Eltern folgen und von der Regierung gefördert, das wollte der kommunistische Feind verhindern.
In der Republik Süd-Vietnam gab es damals Sonderschulen für die Kinder der Offiziere, besonders wurden Kinder betreut, deren Väter hohe Offiziere waren, die sich für das Land geopfert hatten. Diese Kinder sollten nach ihrem und dem Willen der Eltern ausgebildet werden, damit sie später selbst Offiziere werden konnten. Eine solche Schule sah ich immer, wenn ich auf dem Weg zum Zentrum von Vủng Tàu, der Stadt am Meer, war: "Trường Thiếu Sinh Quân Vủng Tàu / Schule für Jugendliche der Armeeeinheit Vủng Tàu."
Der Fall des General Nguyển Ngọc Loan war eine Einzelfall, weil er in dem Moment wütend darauf war, dass der Spionageoffizier Nguyển Văn Lém die Frauen und die Kinder seiner Freunde und Kameraden sofort vor Ort getötet hatte. In Wirklichkeit behandelten die Soldaten der Republik Süd-Vietnam und deren Verbündete die Gefangenen humaner als umgekehrt. Sie gaben ihnen Essen, Wasser und sogar Zigaretten. Das ist auch in vielen Filmausschnitten dokumentiert. Die Ausstrahlung dieser Filme ist im kommunistischen Vietnam bis heute streng verboten.

Viele Kriegsfotografen wissen ganz genau, das die vietnamesischen Kommunisten selber Meister der Propaganda sind. In einem umgekehrten Fall wie dem des General Nguyển Ngọc Loan würde die Việt Cộng oder die nord-vietnamesische kommunistische Armee den Film verlangen oder "aus Versehen" den Kriegsfotografen erschießen. Unfall! Deshalb würden Kriegsfotografen, so glauben viele, in so einem Fall, der manchen Machthabern nachteilig ausgelegt würde, aus Angst umgebracht zu werden nie fotografieren. Kriegsfotografen wollen mit ihren Fotos –je grausamer desto besser- berühmt werden, Karriere und Geld machen, dabei aber nicht ihr eigenes Leben riskieren.

Krieg ist für mich teuflisch! Noch schlimmer war, dass ich in den Krieg eingezogen werden sollte! Mit Krieg können "manche" reich werden!

Die Medien der Republik Süd-Vietnam berichteten nach der Invasion damals, dass in Huế, wie in vielen anderen Städten Süd-Vietnams, die meisten hohen Offiziere und Beamte über das Neujahrsfest zuhause waren. Als die Armee der Volksrepublik des sozialistischen Nord-Vietnam und die Front der Befreiung Süd-Vietnams überraschend in die Stadt eindrangen, haben sie bereits gewusst, wer wo wohnte. Sie begaben sich direkt dort hin und alle wurden hingerichtet, auch deren Kinder und Frauen. Huế war danach wie eine kopflose Stadt, die Kommunisten hatten die Stadt "im Handumdrehen" erobert. Bis die Hilfstruppen von Außen kamen, wurden auch tausende Zivilisten, sowie viele Religionsführer und zahlreiche Beamte massakriert oder lebendig begraben. Woher wusste der Feind der Republik Süd-Vietnam, welche Menschen gegen sie sind? Später hatte man herausgefunden, dass die konservative Stadt Huế, wie überall in der Republik Süd-Vietnam, von den Spionen des kommunistischen Nord-Vietnam ausspioniert wurde. Aber in Huế arbeiteten sogar buddhistische Mönche schon lange für den Geheimdienst des sozialistischen Nord-Vietnam, zu ihrem Vorteil, falls die Republik Süd-Vietnam verlieren würde. Einige Mönche haben später ausgesagt, dass sie zum Spionieren gezwungen wurden.

Die Armee der Volksrepublik des sozialistischen Nord-Vietnam und die Front der Befreiung Süd-Vietnams benutzten beim letzten Kampf den Königspalast als sicheren Rückzugsort. Die Armee der Republik Süd-Vietnam hatten den Befehl von oben: um jeden Preis muss Huế zurückerobert werden. Der königliche Palast war danach größtenteils eine Ruine!

Nach dieser Invasion sind die Kontrollen in der Republik Süd-Vietnam strenger geworden. Hausdurchsuchungen und Kontrollen auf der Straße passierten öfter. Wer keinen gültigen Personalausweis mit Fingerabdruck und Wahlbescheinigung hatte, wurde von der Polizei abtransportiert. Alle männlichen Personen, die schon achtzehn Jahre alt waren, wurden sofort zur Einheit für neue Soldaten gebracht. Ich war neunzehn, hatte aber eine Bescheinigung, die einen verzögerten Einzug bis August 1969 ermöglichte. Diese Bescheinigung galt für Studierende und Personen, die eine wichtige Position in Kultur und Wirtschaft innehatten.


Der Künstlername 青濂 (Qing Lian / türkis-grün-blauer klarer Wasserfall)

Nach der großen Invasion 1968 durch die Kommunisten Nord-Vietnams und den Việt Cộng war das Leben der Menschen in den großen Städten Süd-Vietnams auch nicht mehr so sicher wie vorher. Die Meinung "Es wird in der großen Stadt schon nichts passieren, besonders in der Hauptstadt Saigon", war aus den Gedanken der Menschen verschwunden und die meisten Menschen hatten kaum Zeit sich mit dem Thema Krieg zu beschäftigen! Es blieben Ihnen nur noch die Sorgen, die Sorgen des alltäglichen Lebens, wie es weiter gehen soll, besonders bei den Menschen, die wenig Ersparnisse hatten.

Trotz aller Möglichkeiten (moderne Waffen, Bombardement Nord-Vietnams, Vernichtung des Waldes, in dem sich die Việt Cộng versteckt hielten) haben Amerika und die Republik Süd-Vietnam das kommunistische Nord-Vietnam und die Việt Cộng im Süden nicht besiegt. Nach und nach flüchteten die Menschen aus dem Kampfgebiet der umgebenden Dörfer und kleinen Städte in die große Stadt.
In Saigon, wo wir lebten, wurden einige Plätze und Parks in Wohnorte verwandelt. Die Wiese am Fluss über die Straße vor unserem Haus wurde auch mit Häusern dicht bebaut, von den Menschen die nach Saigon geflüchtet waren. Die einzige Möglichkeit das andere Ufer des Flusses zu sehen, war nur von unserem Hobbybauernhof, der auf der Wiese am Fluss stand.
In der Nacht schossen von irgendwo die Raketen der Kommunisten in die Städte herein, insbesondere nach Saigon, und dorthin wo die USA Soldaten stationiert hatten, wie immer. Aber die Menschen reagierten wie schon daran gewöhnt und zeigten keine Emotionen mehr: "Wenn ich sterben muss, dann sterbe ich!" oder "Wenn ich morgens nicht mehr aufstehe, dann bin ich schon tot!"

Die große Stadt war auch der Erholungsort für die US-Soldaten, die von der Front zurückkehrten. Wegen der Lebensnot der Vietnamesen und den Bedürfnissen der US-Soldaten gab es fast überall Prostitution. Die Bars wuchsen wie Pilze aus der Erde. Viele Mädchen und Ehefrauen arbeiteten als Bargirl und sollten nur Getränke servieren und die Gäste unterhalten und . . . . . wurden dann doch auch wegen Geld zu sexuellen Handlungen genötigt. Viele Familienglücke wurden zerstört, die Moral war am Boden. Viele Bargirls verließen den Ehemann und die Kinder damit sie mit den GIs zusammen leben konnten. Der Grund war ein bequemes Leben und das Hoffen auf ein besseres zukünftiges Leben in den USA mit dem "weißen" oder "schwarzen" Mann, wenn der wieder zurück in seine Heimat konnte. So eine war auch die Ehefrau des Onkels meines vietnamesischen Kunstkollegen. Die Amerikaner kamen als Freunde und wurden später von den meisten Vietnamesen gehasst. Aber als der amerikanische Mann in seine Heimat zurückging, weigerte er sich die vietnamesische Frau und sogar seine leiblichen Kinder mitzunehmen. Die zurückgelassene Frau und die Kinder wurden diskriminiert und bespuckt wo man sie auch immer gesehen hatte. Viele solcher Kinder lebten nur auf der Straße, bei den Großeltern oder im Waisenheim, weil die Mütter nicht mehr für sie sorgen wollten oder konnten.

Überall hörte man von Korruption und Bestechung und viele machten mit! Es war lebensnotwendig für die kleinen Beamten, sonst müssten sie ihr Leben einschränken. Auch die großen Beamten waren bestechlich, obwohl sie mehr als genug zum Leben hatten.

Überall wo ich hinging begegnete ich immer freundlichen Gesichtern, aber dahinter verbargen sich oft Seelen in Trauer und Sorge. Besonders bei den Frauen, deren Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden, und die die Sorge für die Kinder und ältere Generation auf ihrer Schulter tragen mussten. Außerdem bei den Familien, die sich sorgten, dass irgendwann die Söhne nicht mehr von der Front zurückkehrten. Alle hatten Sorgen . . . . . alle hatten einen Grund sich zu sorgen! Meine Familie und ich auch.

Wo ist die friedliche Welt, die Harmonie, die glücklichen Menschen, die zufrieden im Gleichgewicht mit der Natur leben?

Bevor der Krieg alles zerstörte, ging ich so oft wie möglich in die Natur, also auf die Berge und zum Meer. Orte, die noch vom Krieg verschont waren.

An einem heißen Tag wollte ich aus der stressigen Stadt raus und ging links entlang des Flusses vor unserem Haus bis zu der Kreuzung am großen Fluß . . . . . . dann entschied ich mich, den großen Fluss zu überqueren, obwohl ich in der Gegend auf der anderen Seite des großen Flusses selten war – wenn, dann nur in der Nähe der großen Brücke. Wie für die meisten Stadtbewohner war auch für mich die Gegend sehr fremd. Nachdem ich über die große Brücke auf die andere Seite gekommen war, nahm ich ein kleinen öffentlichen Bus und fuhr ca. eine halbe Stunde bis zur Endstation.
An der Endstation endete auch die Straße an einem Gehweg, links und rechts des Gehweges waren Häuser mit großen Vorgärten. Die Gartenzäune waren meist aus dicht gepflanzten Kakteen. In jedem Garten war ein "Altar des Himmels" zu sehen. In der Stadt befanden sich diese Altäre üblicherweise an den Hauswänden, hier im Dorf sah ich die Altäre auf Säulen stehen. Vor diesen Altären hatten die Bauern die Gelegenheit für ihre üblichen Wünsche zu beten, aber ich glaube, an erster Stelle beteten sie für eine gute Ernte.
Viele Arten von Blumen waren in den Gärten zu bewundern. Von Haus zu Haus gehend fotografierte ich die schönen Blumen und Pflanzen unverzüglich. Irgendwann waren auf der linken Seite des Weges keine Häuser mehr, sondern Reisfelder, die weit . . . . . weit bis zum Horizont reichten.
Die Menschen, denen ich auf dem Gehweg begegnete, begrüßten mich freundlich. Ein alter Mann wollte mir behilflich sein und sprach mich an mit "Cậu". Er fragte mich, ob ich jemanden in der Gegend suchte, weil an vielen Häusern in der Gegend kein Hausnummernschild zu sehen war und die Menschen im Ort sich gegenseitig kennen. Wahrscheinlich merkte er, dass ich nicht aus der Gegend war, vielleicht weil ich so angezogen war wie ein Stadtmensch. "Cậu" hat in der vietnamesischen Sprache mehrere Bedeutungen: Damit ruft man zum Beispiel den "Onkel (Bruder der Mutter)", einen "Studenten", einen "jungen Herrn (Sohn einer vornehmen Familie)" oder ein Diener ruft so den Sohn des Hauses. Einige Hausbesitzer begrüßten mich nicht nur, sondern kamen zum Gartentor als ich ihre Blumen über den Zaun fotografierte. "Kommt herein, die sind auch sehr schön, die können sie auch fotografieren!" . . . . . . . . "Diese blüht erst in diesem Jahr." Die Natur hatte so eine Ausstrahlung, dass ich sehr angetan war und ein unbeschreibliches Gefühl hatte "Sehr schön, wirklich sehr schön."

Die Menschen hier lebten in einem gelassenen Rhythmus, als ob sie vom Krieg noch nichts gehört hätten. An diesem Ort hatte ich bislang nur alte Männer, Jugendliche, Frauen und Kinder gesehen. Wo sind die Männer? Sie sind bestimmt auch im Militärdienst. Die Menschen hier mussten sich auch mit dem Krieg beschäftigen, obwohl es nicht so zu sein schien, denke ich.

Weitergehen, dann endete der Weg vor einem Fluss. Am Ufer waren verschiedene Arten von Bäumen, die Schatten spendeten. Links, an der Seite mit den offenen Reisfeldern konnte man auch auf der Feldbegrenzung entlang des Ufers gehen, aber dort war es schmal, glatt und nass durch das Wasser des Reisfeldes. Ich ging nach rechts, wo der Weg noch breiter war und Häuser bis zum Horizont zu sehen waren. In einem Abstand von ein paar hundert Metern befanden sich "Cầu khỉ / Affenbrücken", schmale Brücken, die aus einer langen Bambusstange oder Holzbrettern bestanden, damit man den Fluss überqueren kann. An der anderen Seite des Ufers waren auch nah am Wasser Häuser von Bauern, bei denen Fischfangzäune zu sehen waren. Rundherum schwammen die Enten frei herum, tauchten ab und zu den Kopf kurz ins Wasser um Nahrung zu suchen. Es war heiß und still. In dieser Zeit sah man fast keinen Menschen auf dem Weg, aber man konnte die lachenden Stimmen der Kinder von der anderen Seite des Flusses hören, die gerade im Wasser schwammen und spielten.
Ich suchte einen Baum und setzte mich in seinen Schatten. Nachdem ich einen Schluck Wasser getrunken hatte, fing ich an dieses friedliche, harmonische Idyll mit Bleistift zu skizzieren, um später im Atelier alles in chinesischer Tuschemalerei umsetzen zu können (siehe auch "Frühe Arbeiten"). Nach einer Weile, in der ich konzentriert malte, merkte ich, dass ein paar Kinder hinter mir standen und neugierig schauten, was ich malte. Ein alter Bauer war auch dabei "Cậu / Junger Herr, sie sind ein Künstler! Sie kommen bestimmt aus der Stadt." "Ja, drüben, über die große Brücke." Nachdem er meine Zeichnung sah: "Das sieht aus wie das Haus meiner Tochter, sie wohnt da drüben . . . . . ." In diesem Moment rief seine Frau vom Vorgartenzaun aus "Lad den jungen Herrn mal zu uns ein, es ist zu heiß draußen, im Haus kann man sich besser unterhalten."

Wir gingen in sein Haus, im Vorgarten waren auch viele Blumenarten zu sehen, eine Besonderheit bei ihm waren die "Hoa Mào Gà", in chinesisch "Gi Guan Hua/Hahnen-Kronen-Blüte" auf deutsch Hahnenkamm (Celosia argentea cristata), die in verschiedenen Farben gelb, orange, rot und pink zu sehen waren (siehe auch Dokumentation/ Reise/ 2000/ Griechenland). Ich war begeistert von der samtigen Ausstrahlung der Blumen, holte sofort den Fotoapparat aus der Tasche und fotografierte. Die Besitzer waren auch stolz, dass ihre Blumen auf mich so eine Anziehungskraft hatten. "Junger Herr, fotografiert ruhig weiter, ich pflücke ein paar Limonen und mache für uns ein Getränk", sagte die Ehefrau.
Bevor wir ins Haus gingen, zeigte der Bauer mir den Garten hinter dem Haus. Ein Garten mit Obstbäumen wie ein paar Kokosbäumen, einigen Bananen- und Limonenbäumen und ich sah noch weitere wie "Ổi" (Psidium guajava), "Mận" (Javaapfel), Papaya- und Mango-Bäume. Außerdem Gemüse, Kräuter . . . . . . Hinter dem Garten waren auch Reisfelder zu sehen. Hühner und Hähne sammelten sich im Schatten der Bäume, die Enten schienen im Wasser ihr glückliches Leben bei heißem Wetter zu genießen. . . . . . Wir gingen ins Haus, dann sagte ich "Das Leben hier scheint sorglos zu sein!" "Nicht so wie ihr denkt, junger Herr." Während wir uns unterhielten, brachte die Ehefrau uns aus der Küche das Getränk mit den Limonen aus dem Garten . . . . .

Nach der Erfrischung erzählte mir der Bauer weiter: "Mein zweiter Sohn ist im Krieg gefallen, der ältere ist noch an der Front. Ich und meine Frau leben jetzt mit dem jüngsten Sohn und der jungen Tochter zusammen." "Meine ältere Tochter ist schon verheiratet, sie lebt zurzeit mit ihren Schwiegereltern und der Schwägerin zusammen, da drüben über den Fluss, ihr Mann ist auch im Armeedienst", erzählte die Ehefrau. Der Bauer: "Wir leben von Tag zu Tag und versuchen das beste daraus zu machen. Im Moment ist keine Erntezeit und wir haben wenig zu tun. Gut, dass hier in der Nähe eine kleine Fabrik ist, in der Kokosöl produziert wird, dadurch können manche Leute ihr Leben verbessern. Meine beiden Töchter arbeiten auch dort, wie die meisten Leute hier, außer in der Erntezeit. Bei der Ernte müssen dann alle zuhause mithelfen."
Nach einer kurzen Pause erzählt der Bauer weiter: "Mit der Reisernte haben wir in den meisten Jahren genug zu leben, außerdem haben wir wie die anderen Bauern hier noch eigenes Gemüse, Kräuter und den Obstgarten, das ist nur genug für uns. Die Hühner- und Enteneier können wir auf dem Markt verkaufen . . . . . . . Wir haben gehört, dass in die Stadt viele Menschen von anderswo geflüchtet sind?" "Ja, die Stadt ist voller Menschen, die aus dem Kriegsgebiet geflüchtet sind. Von Erzählungen hört man, dass Ihre Obstplantagen und Reisfelder von beiden Seiten bei Gefechten zerstört wurden, auch viele ihrer Häuser wurden versehentlich von Raketen der Amerikaner getroffen, ein falsches Ziel. Manche waren froh, dass sie noch am Leben waren!" "In diesem Gebiet ist bis jetzt noch nichts passiert, hier wurden wir vom Krieg veschont, aber man weiß nicht, was in der kommenden Zeit noch passieren kann", sagte er, und seine Frau: "Bei der Invasion im Jahr des Affen (1968) sind die Kommunisten an diesem Ort vorbeimarschiert, drüben am Fluss . . . . . . wir hatten solche Angst . . . . . . . Gut, dass 'ông bà tổ tiên / Die Ahnen uns geschützt haben' . . . . sonst . . . . . ."

Plötzlich rief ein Nachbar vor dem Zaun "Großer Bruder Năm, große Schwester Năm, seid ihr zu Hause?" (Wie bei Chinesen haben "Großer Bruder" und "Große Schwester" nicht immer mit Verwandschaft zu tun, sondern werden aus Höflichkeit wie mit Onkel und Tante verwendet). "Wir sind im Haus, kommt herein", antwortete mein Gastgeber. Dann "Wir haben Besuch aus der Stadt . . . Nehmt Platz, nehmt Platz. . . ." "Danke! Ich bleibe nur kurz, ich wollte nur fragen, ob ihr noch Lemongras im Garten habt und wir ein Paar Zehen ausleihen können?" "Was für ein Frage, natürlich." Dann ging die Ehefrau nach hinten in den Garten. "Meine sind aufgebraucht, die neu gepflanzten sind noch so jung . . . . . . . Junger Herr, man erzählt sich, dass in die Stadt viele Menschen aus den Kriegsgebieten hinzugekommen sind, nicht wahr?" "Ja, der junge Herr hat uns gerade davon erzählt." Der Nachbar: "Diese Ernte sollten wir auch zusammenarbeiten, die Ernte in Sicherheit bringen." Mit einem ärgerlichen Tonfall spricht der Nachbar weiter: "In manchen Gebieten der Mitte wurden schon wieder Reisfelder von den Việt Cộng geerntet und es ist nicht einmal ein wenig für die Bauern übrig geblieben. Wie immer haben die Việt Cộng überall Zettel hinterlassen wie: 'Vielen Dank, dass das Volk die Revolution zur Befreiung Süd-Vietnams unterstützt'. Obwohl die Bauern überhaupt keine Symphatie mit denen haben . . . . ." In dem Moment kam die Gastgeberin mit einer handvoll Lemongras: "Ist das genug?" "Ja, ja, es ist genug." "Bleibt doch ein wenig bei uns." "Danke, nächstes Mal." Dann ging der Nachbar.
"Wie kann so etwas passieren?" fragte ich. "Die Việt Cộng kommen immer in der dunklen Nacht. Natürlich haben die Bauern das gewusst, aber sie können sich nicht dagegen wehren. Oft können sie die Einheit der Soldaten der Republik nicht informieren, weil der Weg so weit ist, und wenn sie von den Việt Cộng gefasst würden, dann würde das ganze Dorf als Verräter verurteilt! Manche Einheiten der Soldaten der Republik sind nicht groß genug, um die Gebiete zu kontrollieren. Die meisten sind an der Front. Mit den Zetteln, die von den Việt Cộng überall hinterlassen wurden, sollte mit Absicht missverständlich das Vertrauen zwischen den Bauern und der Regierung der Republik zerstört werden, das führte auch dazu, dass die amerikanische Armee dieses Gebiet bombardierte."

Nach einer Pause erzählte der Gastgeber weiter: "Viele Orte wurden am Tag von der Regierung der Republik kontrolliert, in der Nacht kommen die Việt Cộng und verlangen Unterstützungssteuer. Oft nehmen die Việt Cộng das Volk als Schutzschild bei Gefechten. Das Volk ist wie ein Fisch auf dem Schneidplatz und zugleich unter dem Messer." Ich war wortlos. Der Bauer Năm sagte weiter: "Den Krieg hätten wir schon lange gewonnen, wenn es keine Korruption geben würde. Unsere Soldaten opfern ihr Leben an der Front, im Hinterland stopfen sich viele Regierungsmitglieder und höhere Beamte Geld in ihre Taschen, so voll wie möglich! Niemand kümmert sich um das elende Leben der Familien der Soldaten!" "Onkel Năm, sie haben recht, viele Spendengüter der Alliierten sehe ich auf einigen Märkten in Saigon." "Die Amerikaner haben behauptet, das der Krieg nur ein paar Jahre dauern würde! . . .Ja, Ja . . . bis jetzt wurden zuviele wehrlose Zivilisten getötet . . . . . . . Aber wir Bauern stehen nicht an der Seite der Kommunisten, 100% nicht. Die Agrarreform in Nord-Vietnam 1953-1956 haben wir mitbekommen und werden nie vergessen . . . . . . Es ist gleich, wer an der Macht ist, die untere Schicht des Volkes trägt immer die Last."
Es blieb eine kurze Zeit still und ich wollte mich verabschieden, da brachte Bauer Năm’s Ehefrau eine Papaya aus dem Garten: "Sie ist gerade reif, wir laden den jungen Herrn ein." "Ja, die Früchte, die direkt vom Baum kommen, schmecken am besten." Es war ein Genuss und schmeckte viel besser als vom Markt. Beim Abschied: "Kommen Sie uns besuchen, wenn es möglich ist." Dann brachte der Sohn mich mit seinem Fahrrad bis zur Haltestelle des kleinen Busses.

In diese Gegend bin ich dann öfter gefahren, wenn ich nicht weit entferntere Ziele am Meer hatte, wie z.B. Vủng Tàu, Đà Nẵng, Nha Trang oder in den Bergen Đà Lạt. Die Landschaft der Gegend war für mich auch gut für Naturstudien geeignet. Für meine Skizzen von Blumen, Pflanzen, Obst und Bäumen besuchte ich die Familie des Bauern Năm und bekam von ihm, da er gerne sein Wissen teilte und erzählte, auch Erklärungen über Wachstum, Blütezeit, Befruchtungszeit und Reifezeit. Das war mir später bei Blumen- und Pflanzenmotiven sehr nützlich. Bei seiner älteren Tochter, die gegenüber des Flusses lebte, hatte er mir auch den Lotusteich gezeigt, Lotus - eine meiner Lieblingsblumen.
Jedes Mal, wenn ich die Familie besuchte, wurde ich zum Obst, das in der Saison gerade reif war, eingeladen. Die waren unbeschreiblich duftend und schmeckten! Sie gaben mir auch schonmal einige Teile Obst zum mitnehmen. Ich brachte bei meinen Besuchen auch kleine Geschenke aus der Stadt mit, worüber sie sich freuten. Als Geschenk hatten sie besonders ein chinesisches Teeset aus feinem Porzellan und Fotos von Mitgliedern seiner Familie, die ich fotografiert hatte, sehr glücklich gemacht.

Bevor ich mich einige Jahre später für den Armeedienst meldete, hatte ich die Gegend noch einmal besucht, auch die Familie des Bauern Năm. Als ich ihm vom Armeedienst erzählte, war er von mir beeindruckt und hatte zugleich Respekt, dass ich als Chinese zur vietnamesischen Armee ging. Beim Abschied an der kleinen Bushaltestelle sagten Tante und Onkel Năm: "Wir beten zu den Ahnen, dass der Krieg bald zuende ist, und der junge Herr und mein Sohn gesund nach Hause kommen." . . . . . . "Ja! Das bete ich auch und wir sehen uns wieder!" Obwohl ich ein schreckliches Gefühl hatte, dass wir uns nicht mehr wiedersehen . . . . . . "Dann, Tante Năm, Onkel Năm . . . . . alles Gute!" Er nahm meine Hand und drückte sie fest zum Abschied . . . . . . . . . . . . Das war das letzte Mal, dass ich dort in der Gegend war.

Nach vielen Reisen zu verschiedenen Orten und Begegnungen mit vielen Menschen bekam ich die Gedanken: Wo ist die friedliche Welt, die Harmonie, die glücklichen Menschen, die zufrieden und sorglos im Gleichgewicht mit der Natur leben können! Ich glaube, diese Welt existiert nur in meiner Wunschvorstellung, tatsächlich gibt es sie nirgendwo. Es ist eine Sehnsucht, eine Sehnsucht in mir. In diesen tiefen Gedanken . . . . . . . dann . . . . . . . .plötzlich schien ein Licht in mir und erzeugte eine Stimme wie meine eigene: "Die von Dir ersehnte Welt kannst du verwirklichen mit deinem Können. Das Können, das dir von der Naturschöpfung mitgegeben wurde . . . . Das ist deine wirkliche Welt." Ich war wie aus einem Traum erwacht.

Ein abgeschiedenes Leben im Gleichgewicht mit der Natur in einer Welt mit türkis-grün-blauen Farben von Meer, Bergen und Himmel. Wo der Wind die Bäume "streichelt" oder im Gleichklang mit ihnen "spielt". Wo die Berge das Wasser an sich herablaufen lassen, damit eins meiner fünf Lieblingselemente, das Wasser, sich in verschiedene Formen, wie einen Teich, einen See oder einen Fluss verwandelt . . . . . . . Wo es friedliches Leben gibt, wie das ruhige fließende Wasser des Flusses. Wo der Klang des Quellwassers im Bach noch wie eine chinesische Zither klingt. Abgeschirmt von Krieg, Macht, Gier . . . . und . . . . .und . . . . . und das ist die Welt meiner Sehnsucht, das halte ich auf Papier fest. In der Zeit, in der ich damit beschäftigt bin, ist mein Geist von der schrecklichen Welt entfernt, weit, weit entfernt. Mit dieser Sehnsucht und der Verwirklichung ist auch mein Künstlername entstanden: 青濂 (Qing Lian/türkis-grün-blauer klarer Wasserfall).

Zum Ende des Jahres 1963 fing ich bei Professor Meister 陈章卿 (Chen Zhang Qing) an chinesische Tuschemalerei zu studieren. Es dauerte nicht lange, dann war ich in seinem Künstlerkreis anerkannt und angeschlossen. Natürlich förderten sie mich als jüngere Generation der Zukunft, nachdem sie früh in mir meine Leidenschaft für die Kunst sahen. In der Zeit gab es nicht wenige Jungen, die das Studium abbrachen, weil sie keine Lust mehr hatten oder wegen der alltäglichen Lebensnotwendigkeit. Manche Jungen wurden auch von wohlhabenden Familien hingeschickt Kunst zu lernen, obwohl sie kein Interesse daran hatten. Es ging in der Zeit um den Trend, berühmt sein zu wollen, und vielleicht viel Geld damit zu machen. Im Gegensatz dazu habe ich einen Freund dem Lehrmeister vermittelt, weil er auch gerne die chinesische Kunst studieren wollte, mit Einverständnis seiner Mutter. Nach ein paar Monaten hat sein Vater davon erfahren und der Freund musste das Studium aufgeben, obwohl es eine wohlhabende Familie war. Sein Vater meinte: "Du sollst was vernünftiges für das Leben lernen."

In dem chinesischen Künstlerkreis um Professor Meister 陈章卿 (Chen Zhang Qing) war auch 张达文 (Zhang Da Wen), zu dem ich oft Kontakt hatte und der mein Talent unterstützte, obwohl ich nicht bei ihm studierte. Er war ein Hauptorganisator für viele chinesische Kunst-Ausstellungen, deren Erlöse für die Gründung chinesischer Schulen in der Provinz Südvietnam genutzt wurden und zur Finanzierung einiger chinesischer Krankenhäuser in Saigon. Natürlich war auch Meister 陈宾杨 (Chen Bin Yang) in dem Kreis. Die drei waren mit die Bekanntesten in der chinesischen traditionellen literarischen Malereiszene in Saigon. Der Künstler 何嫩熊 (He Nen Xiong) aus der älteren Generation war nicht in diesem Kreis, aber auch in diesem künstlerischen Gebiet bekannt. Weitere in diesem Künstlerkreis waren auch der Kalligraphiekünstler 子屯 (Zi Thun), der mich durch seine Ausgeglichenheit beeindruckte, und einige andere.

Es war eine sehr schöne Zeit, in der ich sehr mit der chinesischen Kunst beschäftigt war, und in der viele neue künstlerische Ideen entstanden sind und ich mein Können zeigen konnte. Zusammen mit dem erwähnten Künstlerkreis, in dem alle Künstler waren, die eine Generation älter waren als ich, besuchten wir oft Kunstausstellungen, machten Künstlerbesuche und gingen gemeinsam Essen. Bei jeder Einladung dieses bekannten Künstlerkreises zu außergewöhnlichen Gelegenheiten war ich sehr glücklich, dass ich dabei sein konnte. Und dabei habe ich trotz meines jungen Alters schon viel Erfahrung sammeln können, wie das Leben der verschiedenen Schichten der Gesellschaft aussieht. Außer den Personen des Künstlerkreises, der Meistergeneration, traf ich auch ein Mal in zwei Monaten Studenten, die bei Meister 陈章卿 (Chen Zhang Qing) und Meister 张达文 (Zhang Da Wen) studierten und wir unternahmen alles mögliche wie Kochen, Ausflüge, chinesische Neujahrstreffen, usw . . . . . Dass wir uns damit beschäftigen konnten, verdanken wir natürlich unseren Eltern, die uns das ermöglichten. Bei solchen Treffen können wir eine Zeit lang die unruhige, schreckliche, sorgenvolle Welt von draußen, die vom Krieg verursacht wurde, vergessen.
Bei mir besonders bei der Beschäftigung mit der Malerei, der Erschaffung meiner Wunschvorstellungswelt. Natürlich war das auch eine Art von Verdrängung. Nach 1979, als ich in Europa lebte, hatte ich doch das Bedürfnis die innere Belastung des Krieges abzubauen, weil die schrecklichen Erlebnisse, die vom Krieg verursacht wurden, insbesondere während meines Armeedienstes, mich immer in meinen Erinnerungen verfolgte. Diese Erinnerungen habe ich wiederum mit meiner Malerei abbauen können. Vielleicht kann ich irgendwann zu einer passenden Gelegenheit diese Bilder auch zeigen, um damit den Menschen eine mahnende Erinnerung zu geben.

Irgendwann sagte der Meister 张达文 (Zhang Da Wen) zu mir, dass ich einen Künstlernamen für mich haben sollte, auch Meister 陈章卿 (Chen Zhang Qing) meinte, dass ein Künstlername und mein Malstil, Inhalt und Ausdruck meiner Bilder im Gleichklang sein sollten. Ich hatte mir in Wirklichkeit bis dahin wenige Gedanken darüber gemacht. Bis zum Tag an dem ich mich für 青濂 (Qing Lian/türkis-grün-blauer klarer Wasserfall) als Künstlernamen entschied, hatte es lange gedauert. Weil mein Geburtsname 陳英義 (Chen Ying Yi) viel Verbindung mit vielen außergewöhlichen Erinnerungen an meine Kindheit und Jugendzeit hatte, die noch heute in mir sehr lebendig ist, hatte ich noch eine lange Zeit mit meinen Geburtsnamen 陳英義 (Chen Ying Yi) meine Bilder signiert. Dann kam eine Zeit, in der ich auch abwechselnd sowohl Geburtsnamen als auch Künstlername nutzte und irgendwann dann endgültig nur noch den Künstlernamen 青濂 (Qing Lian/türkis-grün-blauer klarer Wasserfall). Der Abschied von der Vergangenheit ist schwer, besonders wenn man viele schöne Erinnerungen hat!

Nach und nach hatte ich meine eigenen Gedanken in kurze Texte für meine Kunstsiegel gestaltet, um den Ausdruck meiner Bilder zu verstärken, wie z.B.: 自有所思 (Innere Gedanken), 心之所安 (Zufriedenheit des Herzens), 闲乐 (Freizeitglück), usw. Nach dem Jahr 1975 als Süd-Vietnam kommunistisch geworden war, enstand eins meiner beliebtesten Siegel: 落赤心思(Gedanken im Rot). Der Text entstand, als ich mein neues Leben dem kommunistischen Regime anpassen musste. Die Farbe Rot hat für mich seitdem zwei Bedeutungen: Im traditionellen chinesischen Leben hat sie das Glück gekennzeichnet, andererseits ist sie für mich brutal und blutig. Ein Teil meiner Siegeltexte wurde von 陈章卿 (Chen Zhang Qing) für mich als Siegel geschnitten, da er nicht nur Meister der chinesischen Tusche-Malerei war, sondern auch Kunstsiegelschneider.

Der Künstlername 青濂 (Qing Lian/türkis-grün-blauer klarer Wasserfall) spricht sich genauso aus wie 清廉(Qing Lian/unbestechlich, Klarheit, Transparenz). Wegen dieser Charaktereigenschaften habe ich viele Personen der chinesischen Geschichte sehr verehrt, z.B.: 韩愈(Han Yu 768-824), 苏东坡 (Su Dong Po 1037-1101), die beiden waren höhere Beamte, gleichzeitig auch Literaten und Denker, 海瑞 (Hai Rui 1514-1587), ein höherer Beamter, ein ausgezeichneter Politiker, 郑板桥 (Zheng Ban Qiao 1693-1765), ein Beamter gleichzeitig auch ein berühmter Maler und Kalligraph. Diese Personen setzten ihr Leben nur zum Wohle des Volkes ein. Das Wort 濂(Lian/klarer Wasserfall) spricht sich genauso aus wie 莲(Lian/Lotus), eine meiner Lieblingsblumen (siehe Galerien / Spezialthemen /Lotus), eine Blume, die im Schlamm niedrigen Gewässers wächst und in der Luft aufblüht, ein Symbol für Reinheit und Unbeflecktheit.

Die beiden Meister 陈章卿 (Chen Zhang Qing) und Meister 张达文 (Zhang Da Wen) fanden meinen Künstlernamen sehr passend gewählt.


Die Wende

An einem heißen Juni-Tag, es war Wochenende: Ich wollte eigentlich Freunde besuchen, besondere Freunde, die ich seit ein paar Monaten nicht gesehen hatte. Aber es war so heiß, dass ich nicht vor die Tür gehen wollte. Neben einem Getränke-Wasserbehälter lagen zwei unserer Hunde mit offenem Maul und herausgestreckter Zunge. Sie hechelten in schnellem Tempo, obwohl sie schon kurz vorher unter der Dusche waren. Gegenüber unseres Hauses, über die Straße am Ufer in unserem Hobbybauernhof saßen die Hühner und Hähne eng im Schatten des Nachtkäfigs. Sie öffneten ebenfalls ihre Schnäbel und man konnte an ihrer Kehle erkennen, dass auch sie schnell atmeten. Die Enten hatten den Vorteil, dass sie im Wasser bleiben konnten. Unsere drei Katzen waren irgendwo im Haus in einer schattigen, kühlen Ecke.

Die Ventilatoren im Haus blieben stehen, denn bei dieser Hitze erzeugten sie nur heiße Luft. Es war auch zu heiß, um auf dem Sofa zu sitzen. Wir saßen auf Matten auf dem kühlen Boden, der aus 40x40 cm großen und 4 cm dicken Keramikfliesen bestand.

Zwei chinesische Nachbarinnen kamen zu uns, um bei meiner Mutter Gesellschaft zu suchen. Die beiden gehörten zur Oma-Generation und waren schon über siebzig. Eine kam von ein paar Straßen weiter, die andere wohnte hinter unserem Haus. Sie kamen uns regelmäßig besuchen und fühlten sich bei uns wohl, besonders an heißen Tagen. In ihren kleinen Häusern, in denen sie mit drei Generation zusammen wohnten, war es für sie unerträglich. Die Nachbarinnen erzählten ab und zu Geschichten über China, wo meine Eltern herkamen, und ich hörte sehr gern zu, besonders aber auch meine jüngeren Geschwister.

"Es ist so heiß, ich kann es nicht mehr aushalten", sagte eine der Nachbarinnen, als sie bei uns ankam. "In China hat es auch oft Dürren gegeben", erzählte die Ältere. Die andere Nachbarin: "Das war schlimm, das habe ich als Kind auch erlebt" "In der kleinen Stadt, wo ich als Kind war, gab es Mal eine Dürrezeit, die fast einen Monat dauerte. Ein Teil der Stadt-Bewohner forderte von den städtischen Behörden gegenüber dem 'Himmel/Gott' für Regen zu beten. Ein Tisch mit vielen Opfergaben wurde auf den Stadtplatz gestellt, viele Räucherstäbchen und Kerzen wurden von den Stadtbewohnern angezündet und mit allen Ritualen wurde gebittet und gebetet. . . . . ." Ich hatte das Gespräch unterbrochen: "Und, hat es daraufhin geregnet?" "Natürlich nicht!" antwortete die ältere Nachbarin und ergänzte: "Weil der Sohn des Stadt-Oberhauptes gerade Ferien von seinem Studium hatte und bei seinen Eltern zu Hause war." Ich fragte: "Und . . . . warum?" "Der Sohn meinte, das sei Abergauben. Damit hatte er die Bewohner und den 'Himmel/Gott' beleidigt." Ich hatte dann gelacht, bis mir fast die Tränen kamen! Die andere Nachbarin wurde von mir angesteckt und hatte auch köstlich gelacht, . . . . . . dann fragte sie nach meiner Schwester. "英婵 (Ying Chan) kocht gerade grüne Bohnensuppe in der Küche, 英梅 (Ying Mei) und 英芳 (Ying Fang) treffen sich mit ihren Studienfreunden und Schulkameraden zum schwimmen", anwortete meine Mutter. "Anders als früher, sind die Mädchen heute auch oft wie die Jungen unterwegs. Ich durfte damals nicht so oft aus dem Haus gehen. Wenn, dann nur mit Begleiter", erzählte die ältere Nachbarin. Die andere Nachbarin:" Das war damals bei vornehmen Familien so, bei uns war es nicht so streng."

Zu jeder heißen oder kalten Saison bereitete meine Mutter neben der Hauptmahlzeit immer passende Kleinigkeiten zum Abkühlen oder Aufwärmen für den Körper. Für die heißen Tage: Grüne chinesische Bohnen mit Seetang oder andere natürliche chinesische Zutaten, die auch in der TCM verwendet werden. Ein traditionelles Rezept. "Die grüne Suppe ist fertig." Meine Schwester brachte ein großes Tablett mit Schälchen der grünen Suppe aus der Küche und stellte es auf die Matte. Meine Mutter bat die beiden Nachbarinnen mit dem Essen anzufangen.
Ich nahm gerade meine Schale hoch, dann sah ich einen Schatten, der von der Terrassentür bis vor die Haustür fiel. Ich fragte mich, wer das war. Ich mußte mit der Hand die Augen abschirmen, um richtig sehen zu können, wegen des Gegenlichtes. "Diểm, komm mal rein", nachdem ich ihn gerufen hatte, stand ich auf, ging hinaus und öffnete die Terrassentür. "Komm herein." Die Hunde standen auch auf, wedelten mit dem Schwanz und wollten hoch zu ihm springen. "Nein", sagte ich. Diểm streichelte den Hunden den Kopf, die kannten sich schon. Meine Mutter: "Komm rein, setz Dich zu uns, es ist zu heiß draußen!" Meine Schwester bot ihm auch ein Schale von der grünen Suppe an.

Diểm, ein vietnamesischer Freund von mir, den ich schon seit mehr als drei Monaten nicht gesehen hatte, kam mit einer "Botschaft" von seinem Vater, dass es in der Kunstakademie eine Stelle als Dozent für "Tranh Thủy Mạc / Tusche-Malerei" gab. Die Stelle war noch frei, weil sie noch nicht veröffentlicht war. Sein Vater ließ fragen, ob ich die Stelle annehmen wollte und Diểm erklärte mir, dass man durch diese Stelle natürlich auch vom Einzug in den Militärdienst verschont blieb. Das Gehalt wäre nicht hoch, denn der Staat brauchte mehr Geld für die Landesverteidigung und die Wirtschaft, der Kulturetat war um die Hälfte gekürzt worden. Ich sagte nach kurzer Überlegung zu. Meine Mutter hatte sich gefreut und die beiden Nachbarinnen wünschten mir auch viel Glück.

Durch die Freude vergisst man vollkommen die Zeit und die Hitze. Es war schon fast Abend, ich verabschiedete mich von meiner Mutter, der Schwester und den Besuchern, dann ging ich mit Diểm aus.

Der Vater von Diểm war ein Beamter des Kultusministeriums und Diểm war vor kurzem als Assistent eines Kunst-Professors eingestellt worden. Diểm hatte westliche Kunst studiert: Ölmalerei. Es gab nur noch wenige vietnamesische Künstler, die sich mit Tuschemalerei beschäftigten und die sind auch schon sehr alt. Ich war fast sicher, dass ich die Stelle bekommen würde!

Am Vorstellungstag hatte ich mehr als eine Stunde mein Können in der Kunstakademie vorgeführt, obwohl man das nicht mehr von mir verlangte. Nachdem ich meine Bilder gezeigt hatte, hatte ich die Stelle schon bekommen und das Gespräch war nur noch gegenseitiges Kennenlernen.

Die vietnamesische, koreanische und japanische Tuschemalerei kam ursprünglich aus China : "水墨画(shui-mo hua) / Tuschemalerei", sie haben fast gleiche Maltechnik und Themen. Die Themen der Tuschemalerei sind meistens von der Philosophie und Ethik von Laotse, Buddha und Konfuzius beeinflusst. Seit der Antike haben Bilder von chinesischen großen Meistern immer schon Künstler aus den anderen Ländern inspiriert. Westliche Malerei wie Öl- und Aquarellmalerei wurden in der Koloniezeit von den Europäern nach Vietnam und Asien gebracht. In der Koloniezeit in Vietnam haben sich mehr und mehr junge Vietnamesen mit der westlichen Malerei beschäftigt. Es ging um den Markt, weil die Kolonialherrscher mit der Tuschemalerei meistens nicht viel anfangen konnten! Ebenso verhält es sich heute in China. Viele junge Chinesen studieren westliche Kunst, oft nicht aus Leidenschaft, sondern um sich dem Kunstmarkt in Europa und dem Westen anzupassen.


Im Dienst des Millitärs

Irgendwie hatte der Krieg mir meine Beschäftigung als Dozent in der Kunstakademie nicht gegönnt. Der Krieg war schlimmer geworden und verbreitete sich, nach einem Jahr erreichte er mich und hatte mich in seinen Teufelskreis gezwungen. Die Republik Süd-Vietnam musste alle jungen Leute zum Militärdienst rufen, um das Land zu verteidigen nach dem Motto "Ohne Land gibt es keine Kultur, keine Wirtschaft, keine Familien, einfach nichts".
Ende des Jahres 1970 meldete ich mich laut Befehl beim Militär der Republik Süd-Vietnam und wählte die Marine. Die Kunstakademie hatte mir die Arbeitsstelle zugesichert, wenn der Krieg zu Ende wäre.

Nach einer kurzen Zeit der Arbeit in der Verwaltung der Einheit für neue Marine Soldaten in Saigon als Tabellen-Zeichner, kam ich in die militärische Grundausbildung. Danach wurde ich ausgesucht für die Marine-Ausbildung als Funker in die USA zu gehen, vorher sollte ich eine besondere englische Sprachausbildung in der amerikanischen Armee-Akademie in Saigon machen. In mir war Unsicherheit und Freude zugleich. Unsicherheit, weil die amerikanische Armeeeinheit das Hauptziel der Việt Cộng Raketen war. Freude, weil ich spät morgens für einen halben Tag in die Schule und am frühen Nachmittag zu meiner Familie nach Hause gehen konnte. Ich nutzte diese Gelegenheit, meine Leidenschaft für die Kunst weiter auszuleben.

Nach dem Abschluss der Sprachausbildung kam eine Überraschung! Die Marine-Soldaten mit chinesischer Abstammung sollten nicht mehr in den USA, sondern in Vietnam ausgebildet werden. Der Grund: Ein Teil von ihnen war vorher in den USA abgetaucht und war nicht zurück in das Kriegsland Vietnam gegangen. In Wirklichkeit taten das aber auch die vietnamesischen Marine-Soldaten, die dem Krieg in ihrer Heimat nicht mehr dienen wollten! Ich wäre gerne in die USA gegangen, um dem Krieg für eine Zeit zu entkommen und dann nach dem Abschluss der Ausbildung definitiv wieder nach Vietnam zurückzukehren, weil dort meine Familie war.

Für eine Ausbildung zum Sekretär musste ich als Unteroffizier nach Đà Nẵng in der Cam Ranh Bucht. Ein Beruf, der in der Marine nicht nur "tippen" bedeutete, sondern erwartete, dass man selbst formulierte und schrieb, Verwaltungsarbeit erledigte und das alles nach dem Wunsch des Befehlshabenden oder des Kapitäns.

Nach dem Ausbildungsabschluss wurde ich in der Redaktion der Marinezeitschrift "Lướt Sóng/ Wellenreisen" eingesetzt. Von der Abteilung für psychologische Kriegsführung in das Marine-Haupquartier in Saigon als Designer für Zeitschriftenseiten mit Schrift und Bild. Wie wenige andere auch hatte ich das Glück, dass meine Familie in Saigon lebte. So konnte ich jeden Tag am frühen Abend nach Hause gehen und musste nicht im Hauptquartier übernachten, es sei denn es gab eine Ausgangssperre oder Wachdienst. In diesen zwei Jahren hatte ich auch Ausstellungsbeteiligungen, diese sogar mitorganisiert und hatte trotz des Armeedienstes ein wenig Zufriedenheit und Wohlgefühl.

Im Jahr 1973 kam es in Paris zu einem Abkommen zwischen den USA, der Republik Süd-Vietnam mit der Republik des sozialistischen Nord-Vietnam und der Front der Befreiung Süd-Vietnams für den Frieden in Vietnam und den Rückzug der amerikanischen Soldaten in ihre Heimat. Das Abkommen wurde hauptsächlich getroffen, damit die USA den Krieg nicht verloren hätten (so wie die Franzosen früher) und ihr Gesicht wahren konnten. Außerdem herrschte in den USA eine Anti-Kriegsstimmung, der Krieg hatte viele Amerikaner das Leben gekostet, brachte nicht die erwünschten Vorteile und war kaum noch finanzierbar. Der Vietnam-Krieg war für die USA schon lange wie eine glühende heiße Kartoffel in der Hand. Die Kommunisten in Vietnam brachen das Abkommen sofort und mehrmals, statt Frieden mit dem Süden zu schließen! Süd-Vietnam brauchte mehr Soldaten an der Front und ich wurde auf einem Küstenwachschiff eingesetzt, nach einem Jahr dann in einem Küsten- und Flusstransporter der Marine.

Durch die in jeglicher Art gegebene Unterstützung der Sowjetunion drang die Armee des kommunistischen Nord-Vietnam schnell in den Süden ein. Die Armee der Republik Süd-Vietnam verteidigte in Verzweiflung aber heldenhaft ihr Land. Die Regierung bat Amerika um Waffen zur Unterstützung, aber die GIs hatten ihre kalte Schulter gezeigt. Viele Armee-Einheiten der Republik Süd-Vietnam mussten wegen fehlender Munition und Waffen den Kampf aufgeben und sich nach und nach Richtung Süden zurückziehen. Die Bevölkerung flüchtete voller Angst und Panik aus ihrer Heimat.

Anfang 1975 als unser Schiff in Đà Nẵng lag, hatte ich Urlaub und ich war wieder bei der Familie in Saigon. Gerade hatte auch mein älterer Bruder Urlaub vom Militärdienst und war mit seiner Familie zuhause.
Die Stimmung in Saigon wirkte noch etwas entspannt, das alltägliche Leben der Menschen befand sich noch in einem normalen Rhythmus. Aber ich schätzte, dass sich das schnell ändern und die Lage in der Hauptstadt sehr ernst werden würde.
Ich nutzte die Gelegenheit Freunde und mir bekannte Professoren der Kunstszene zu besuchen, aber die meisten meiner Generation, die im Armeedienst waren, waren nicht zuhause.

Zurück zum Schiff in Đà Nẵng. Anfangs war die Stimmung meiner Kameraden und mir noch gelassen. Nur einige Tage später bekamen wir Nachricht, dass einige Gegenden im nördlichen Süd-Vietnam vom Präsidenten Nguyễn Văn Thiệu aufgegeben wurden. Der Rückzug der Armee und die Evakuierung der Zivilisten Richtung Süden nach Huế und Đà Nẵng wurde befohlen. Die sorgenvolle Stimmung verbreitete sich fast überall im ganzen Land, besonders in der Mitte Süd-Vietnams. Man wusste nicht, wie lange man es noch gegen die Kommunisten aushalten konnte.

Ich erhielt dann einen traurigen Brief von zuhause, das man sich am Stationierungsort der Einheit meines jüngeren Bruders gegen die Invasion der Kommunisten mit schweren Verlusten verteidigen musste. Viele Soldaten und Offiziere waren tot oder wurden schwer verletzt.
Die ganze Familie machte sich Sorgen um die Situation meines jüngeren Bruders. Anstelle meines Vaters wollte meine Mutter lieber selber zu ihm fahren. Sofort und trotz aller Umstände und Schwierigkeiten in das Kriegsgebiet zu fahren, hatte meine Mutter sich auf den langen Weg gemacht. Die Reise zu meinem Bruder dauerte zwei Tage.

Auf Erlaubnis des Kapitäns ging auch ich meinen verletzten, jüngeren Bruder, der hier in der Nähe von Đà Nẵng stationiert war, besuchen. Meine Mutter hatte ihn dort vorher schon einmal besucht, als er verletzt im Krankenhaus war. Als ich in seiner Einheit ankam, eine Einheit für die Frontrückkehrer, war die Stimmung dort sehr unruhig und chaotisch. Ich hatte ihn überall gesucht, nach ihm gefragt und ihn nicht gefunden. In meiner Verzweiflung kam ich zum Schiff zurück.

Ein paar Tage später hatte unser Schiff einen Befehl von oben erhalten, dass wir Kontakt mit den Heeres-Einheiten der Armee in der Nähe von Huế aufnehmen, um beim Rückzug von Soldaten und Zivilisten zu helfen. Unter dem Regen der Raketen der Kommunisten konnte unser Schiff nicht landen und wurde von einer wärmesuchenden Rakete getroffen. Die Rakete flog von oben durch die Brücke und den Steuerraum und explodierte unten im Maschinenraum. Bei der Explosion saß ich im hinteren Teil des Schiffes auf einer Holzbank, der Querbalken dieser Bank wurde von einem Metallteil getroffen. Wie durch ein Wunder wurde ich nur durch Holzsplitter am linken Bein verletzt. Im Steuerraum hatte ein Kamerad seine beiden Hände verloren. Dann hörte ich, dass zwei Maschinisten im Maschinenraum gestorben waren. Das Schiff fuhr nun ohne Landstreitkräfte und ohne Zivilisten, sondern nur mit einer defekten Maschine Richtung Süden.
Dann hatte der Kapitän empfohlen, dass die Verletzten, zu denen ich auch gehörte, an Land gingen und versuchen sollten aus eigener Kraft in ein Krankenhaus zu gelangen. Am Abend erreichten wir zu Fuß und mit allen Transportmöglichkeiten die Krankenstation einer Armeeeinheit. Die Verletzten lagen schon zwei Kilometer vorher links und rechts der Einfahrtstraße zu der Krankenstation auf dem kalten Boden. Viele warteten noch auf eine Behandlung. Weil es schon sehr dunkel war und wir auch sehr erschöpft waren, entschieden wir uns dann, dass wir uns zu den anderen legten und bis zum nächsten Morgen warten wollten, um dann zu entscheiden, ob wir bleiben oder gehen sollten.

Am nächsten Tag versuchten wir, weil wir uns durch gegenseitige Hilfe noch bewegen konnten, in den Hafen der Stadt Đà Nẵng zu gelangen. So ein Glück: Es gab dort noch einen Ozeantransporter der Marine, der wegen zu starker Überbelegung nicht starten konnte. Die Zivilisten auf dem Schiff hatten Angst, dass die Kommunisten die Stadt bald eroben würden, wollten schnell nach Süden flüchten und das Schiff nicht mehr verlassen. Weil wir von der Marineeinheit und verletzt waren, hatten wir einen Vorteil und durften an Bord und bekamen einen Platz auf dem Dach hinter der Brücke des Kapitäns.
Endlich hatte sich ein großer Teil der Soldaten und Zivilisten selbst geopfert und das Schiff verlassen, damit nicht alle sterben mussten, wenn die Kommunisten kamen. Das Schiff fuhr schließlich nach Saigon.

Nach und nach wurden auch die Armeeeinheiten meiner drei Brüder aufgelöst. Meine zwei älteren Brüder kamen zurück von Vũng Tàu und einer Provinz der Mitte der Gegend Quảng Ngãi. Mein jüngerer Bruder kam auch zurück aus der mittleren Gegend, aus der Nähe der Stadt Đà Nẵng und hatte ein Bein verloren.

Vom Marinehauptquartier in Saigon wurde ich in das Marinehospital eingewiesen, um die Holzsplitter zu entfernen und mein Bein dort behandeln zu lassen. Wegen Überfüllung lagen dort die verletzten Soldaten schon auf den Fluren. Für die lange Wartezeit auf eine Behandlung wurde ich beurlaubt.


Ende einer Republik

Schon am 8. April 1975 wurde der Präsidentenpalast in Saigon von einem Piloten der südvietnamesischen Luftwaffe, der für die vietnamesischen Kommunisten als Spion arbeitete, bombardiert. Trotzdem war Präsident Nguyễn Văn Thiệu in seiner Residenz geblieben und regierte von dort weiter.

Am 21. April 1975 verfolgten wir mit einigen Nachbarn am Fernseher mit Spannung die Rede des Präsidenten zur Lage der Nation, dass die Kommunisten bald Saigon einnehmen würden. In der langen Rede dankte der Präsident dem Volk für das Vertrauen in ihn, und kritisierte, dass die Amerikaner Süd-Vietnam beim Kampf gegen das kommunistische Nord-Vietnam und die Việt Cộng im Süden auf der halben Strecke im Stich gelassen hatten. Mehrere Male bat er den amerikanischen "Freund", weiter Waffen an Süd-Vietnam zu liefern, um den Kampf zu unterstützen. Der "Freund" anwortete mit einem eiskalten "Nein."
Die Bevölkerung der Republik Süd-Vietnam glaubte sowieso, dass es keinen Frieden mit den vietnamesischen Kommunisten geben würde, weil im Jahr 1954 beim Abkommen der Genfer Konferenz das Land Vietnam am 17. Breitengrad geteilt wurde. Beim Rückzug nach Norden hatte Hồ Chí Minh einen Teil seiner Leute in Süd-Vietnam gelassen, die später Việt Cộng genannt wurden. Zusammen mit diesen konnte der Norden die Republik Süd-Vietnam sofort "befreien".
Dennoch, im Jahr 1973 hatten die Amerikaner die Republik Süd-Vietnam gezwungen, das Friedensabkommen mit dem kommunistischen Vietnam zu unterschreiben. Die US-Armee zog sich nach Amerika zurück, obwohl sie wussten, dass der Norden den Süden sofort angreifen würde. Die Kommunisten nutzten das "Friedens"-Abkommen, um mit der Unterstützung der Sowjetunion Süd-Vietnam schnell einnehmen zu können.
Nach der Rede übergab Präsident Nguyễn Văn Thiệu seinen Platz an den Vizepräsidenten Trần Văn Hương, einem alten, angesehenen Politiker, und trat zurück, dann emigrierte er nach Taiwan. Der neue Präsident bemühte sich um Friedensverhandlungen mit Nord-Vietnam und der Front der Befreiung Süd-Vietnams (Việt Cộng), um kein Blut mehr zu vergießen.

Es war fast ein Wunder, die starken Entzündungen meines Beines waren zurückgegangen und ich konnte schon ohne Krücken laufen. Trotz aller Umstände bin ich nach ein paar Tagen in die Gegend des Marinehauptquartiers gegangen. In der Gegend war nicht nur das Marinehauptquartier, in dem ich schon gearbeitete hatte, sondern auch die Marine Schiffswerft, das Privatdomizil des höchsten Kommandanten der Marine, sowie das Marinehospital. Dort wollte ich mich über einen Behandlungstermin informieren lassen, an dem die Holzsplitter aus dem Bein operiert werden sollten. Gleichtzeitig wollte ich auch die schwerverletzten Kameraden besuchen.

Bereits vor dem Zugang der abgesperrten Gegend des Hauptquartiers sah ich, was ich mir noch nicht vorstellen konnte: In der Gegend des Hauptquartiers war eine unbeschreibliche Stimmung, wie in einer bald verlassenen Stadt. Das ganze Hauptquartier mit den vielen Marineeinheiten war in Aufruhr, die Soldaten reagierten so, wie die Küken ohne Schutz ihrer schon gestorbenen Eltern. Sie liefen ängstlich, verzweifelt und panisch hin und her auf dem schutzlosen Gelände, und am Himmel kreisten die Geier, bereit ihre Mahlzeit einzunehmen.
Schon am Zugang bildeten sich kleine Gruppen von Marine-Wachsoldaten, die über die aktuelle Situation diskutierten und ihre Pflichten nicht mehr wahrnahmen. Ich ging hinein. Ein Wachsoldat fragte mich: "Wo willst du noch hin? Die sind alle weg, alle Chefs sind weg!" Ein anderer: "Wir haben es auch gerade erfahren, als wir heute zum Dienst kamen." "Gestern war noch alles normal", sagte ein anderer Wachsoldat, der zu uns gestoßen war, und sprach weiter: "Die ganzen Schiffe sind auch nicht mehr da! Die sind bestimmt in der letzten Nacht mit den Schiffen aufgebrochen . . . . . . bestimmt nach Amerika, und wir haben es nicht gewusst." Einer der Wachsoldaten zu mir: "Wir gehen alle von hier weg. Wenn du noch rein gehen möchtest, dann schnell, und auch schnell wieder raus. Die Lage kann sich sehr rasch ändern."

Ich ging in das Hauptquartier, um mir kurz die Lage anzuschauen. Überall lagen Akten und Papier auf dem Boden verstreut, im Treppenhaus und auf dem Gelände. Dutzende von Soldaten waren noch zu sehen. Sie liefen in Angst und Panik hin und her, packten gerade ihre Sachen ein und wollten auch schnell weggehen, aber sie fragten sich: "Wie und wohin?" Das waren die Marinesoldaten, die, wie ich früher, im Hauptquartier stationiert waren. Ich wusste nicht, aus welchen Gründen sie noch da waren. Ihr zuhause war nicht in Saigon, sondern in den Gebieten, die die Kommunisten schon erobert hatten. Ich ging schnell aus dem Hauptquartier und entlang des Saigon-Flusses in das Gebiet des Marinehospitals.

Auf dem ganzen Weg zum Marinehospital sah ich kein einziges Schiff mehr am Ufer, nur die schwimmende Marine-Druckerei war noch da. Die Marinesoldaten, die in der Gegend waren, bewegten sich auch in eiligem Tempo, waren aber wie orientierungslos.

Im Marinehospital war eine so traurige Stimmung: Das Bettzeug und das Verbandsmaterial, manche noch mit Blut beschmiert, lagen chaotisch überall herum, so wie die Akten und Papier . . . . . . und so sah es auch in den Behandlungszimmern aus, an denen ich vorbeiging. Die Zimmer waren leer. Kein Mensch! Ich wollte den Ort eilig verlassen . . . . . . . . dann hörte ich "Hallo!" Ich bekam einen Schreck und drehte mich um. "Ah" ein Marine-Krankenpfleger, er sprach zu mir: "Warum bist du noch hier?" "Ich suche Kameraden, die wurden hier behandelt." "Die wurden alle entlassen, gestern. Das Hospital ist seit gestern aufgelöst." "Und du bist noch hier?", fragte ich. "Ich kann nicht gehen, hier liegen noch einige Schwerverletzte . . . . . Đà Nẵng, mein zuhause ist schon lange unter der Kontrolle der Kommunisten, . . . . . ich habe seit Monaten keine Nachricht mehr von meiner Familie . . . . . . ich hoffe . . . . . . . " Er konnte nicht mehr sprechen. Ich merkte, dass er versuchte, die Tränen zu unterdrücken. Ein junger Mensch in meinem Alter, er wirkte intelligent und symphatisch. Ob man es möchte oder nicht, der Krieg hatte den Menschen in seinen Teufelkreis gezogen und machte das Leben fast aller Menschen zur Hölle . . . . . . . Wenn es keinen Krieg gegeben hätte . . . . . Ich bin gerade in meinen Gedanken, da holte er mich zurück in die Realität: "Hilfst du mir die Kartons mit zu packen und kommst du mit?" "Natürlich!" Ich packte drei Kartons mit Infusionen, es war nicht leicht, ging mit ihm durch einen langen Flur vorbei an einigen leeren Krankenzimmern und dann in einen großen Raum.

In dem Zimmer lagen elf verletzte Marine-Soldaten in ihren Betten. Viele Kartons stapelten sich an der Wand, wahrscheinlich aus dem ganzen Hospital gesammelt: Medikamente, medizinisches Zubehör und Lebensmittel. Ich sah noch einen Krankenpfleger, etwas älter, der gerade in das Zimmer hineinkam mit weiteren Kartons in den Händen. Er schaute mich mit erstauntem Gesichtsausdruck an und sagte: "Weißt du nicht, was hier schon passiert ist? . . . . aufgelöst! Die werden bald in Saigon eindringen, die Kommunisten." "Ja! Natürlich habe ich das auch schon gespürt!" "Wir sind ausgeliefert!"
Ein paar Minuten herrschte Stille im Raum. Aber es kam mir irgendwie sehr lang vor und so als ob die Welt vor dem Untergang stünde. Es war unerträglich, ich musste die Scheibe der Stille zerschlagen und erzählte von meiner Situation. Nachdem ich über mich berichtet hatte, sagte der ältere Krankenpfleger: "Meine Heimat ist Huế, ich war letztes Jahr das letzte Mal da. Ich habe noch die Hoffnung, meine Familie irgendwann zu sehen . . . . . . Die Kameraden, die hier noch liegen, sind sehr schwer verletzt, die können auch nicht nach Hause und kennen auch nicht die Situation ihrer Familien. Die sind weit weg von hier. Die Verletzten, die sich noch bewegen können, obwohl die Wunden noch nicht verheilt sind, haben alle Möglichkeiten zu nutzen versucht, um zu ihren Familien zurückzukehren. Manche kennen nicht einmal die Lage an den Orten, zu denen sie gehen wollen."
Ein paar Minuten Stille, dann sprach der jüngere Krankenpfleger: "Wir beide versuchen ihnen die Schmerzen zu linden, so weit es möglich ist. Die müssen noch operiert werden, aber kein Arzt ist mehr hier." "Alle Schiffe der Marine sind in der letzten Nacht mit den höheren Marine-Offizieren, dem Schiffspersonal und deren Verwandten bestimmt Richtung USA aufgebrochen", sagte der ältere Krankenpfleger. "Wir hätten auch versucht mit auf die Schiffe zu kommen . . . . aber wir konnten die Kameraden hier nicht im Stich lassen, außerdem waren alle Schiffe so überladen. Viele, die nicht zum Schiffspersonal gehörten, mussten an Land zurückbleiben." Ein schwer verletzter Soldat teilte seine Meinung mit: "Ihr hättet versuchen sollen mitzufahren, wir haben nichts mehr zu verlieren . . . . . aber ihr . . . . . ." Er konnte nicht mehr reden, weil ihn plötzlich Schmerzen überkamen. Ein anderer Schwerverletzter: "Ja, ihr hättet versuchen sollen, von hier weg zu kommen, wer weiß, was mit euch passieren wird."

Die anderen schwer verletzten Soldaten lagen still, wie halb tot, im Bett, nur ab und zu stöhnten sie bei Schmerzen, sie warteten vielleicht nur noch auf die . . . . Erlösung. Der junge Krankenpfleger, dem ich als erstes begegnet war: "Du solltest schnell weg von hier, zurück zu deiner Familie, bevor es zu spät ist." "Ja, er hat Recht, schnell zu deiner Familie . . . vielleicht könnt ihr noch irgendetwas unternehmen", sagte der ältere Krankenpfleger. "Und wie geht es hier mit euch weiter?", fragte ich. Der jüngere: "Du solltest gehen, wir könnten uns wiedersehen, wenn sich die Lage ändert." Er nahm meine Hände und drückte sie fest, dann: "Aber am Leben." "Ich hoffe!", antwortete ich, obwohl ich mir in dem Moment darauf wenig Hoffnung machte.
Nach dem Abschied ging ich in einer traurigen und sorgenvollen Stimmung nach draußen. Traurig über das, was ich im Hospital gesehen hatte. Sorgenvoll, weil ich an meine Familie denken musste.

Ich verließ schnell die Gegend des Marine Hauptquartiers und wollte schnell nach Hause. Vor dem Zugang zu der Gegend traf ich einen ehemaligen Kameraden, der mich fragte, ob ich mit ihm gehen wollte, da es noch eine Möglichkeit gab, Vietnam zu verlassen. Ein guter Freund von ihm war als zweiter Kapitän auf einem Schiff stationiert, welches in Kürze abfahren sollte. Das Schiff befand sich in Vủng Tàu und wir sollten versuchen, es mit allen Möglichkeiten zu erreichen. Wenn wir uns beeilen würden, könnten wir noch mit an Bord gehen. Ich antwortete: "Ich möchte gerne erstmal nach Hause, mich von meiner Familie verabschieden." Er sagte: "Dann werden wir das nicht mehr schaffen, ich habe meine Familie auch schon seit Tagen nicht mehr gesehen." Das war für mich eine schwierige Entscheidung, denn meine Familie lag mir am Herzen. Nachdem ich blitzschnell überlegt hatte, klopfte ich ihm auf die Schultern: "Ich wünsche Dir viel Glück in Amerika. Ich kann nicht mit dir gehen. Meine Familie braucht mich."

Präsident Trần Văn Hương bemühte sich, aber die Friedensverhandlungen mit der kommunistischen Regierung von Nord-Vietnam und den Việt Cộng waren erfolglos. Der Aggressor wollte nur eins: die Republik Süd-Vietnam um jeden Preis besiegen und die Einnahme des Landes.

Trotz der Auflösung aller Armeeeinheiten, hatten viele Offiziere und Soldaten, die sich von anderen Kampffronten zurückgezogen hatten, die letzte Munition gesammelt. Zusammen mit den Soldaten aller Ämter und Geheimdienste wollten sie die Haupstadt so lange wie möglich gegen den Feind verteidigen. Man hörte, dass der Kampf noch andauerte.

Überall in der Stadt gab es Angst und Panikeinkäufe. Es gab auch Menschen, die sich das Leben nahmen. Ihre Kinder konnten deren Willen nur akzeptieren, weil ihre Eltern erzählt hatten, dass sie vor 1954 im Norden schon schreckliches erlebt hatten und das gleiche nicht noch einmal erleben wollten. Ebenfalls hatte sich auch ein altes Ehepaar, Besitzer eines Maßschneider-Geschäfts, die wir sehr gut kannten, das Leben genommen. In dem hinterlassenen Brief erfuhr man, dass sie sich nicht mehr in der Lage sahen, das Leben unter dem neuen Regime neu anzufangen.

In der Zeit merkte ich, dass sich auch das Verhalten der Menschen sehr geändert hatte. Die Leute, die früher Freunde waren oder sich gegenseitig gut kannten, hatten den gegenseitigen Kontakt abgebrochen oder verhielten sich wie Fremde. Im Gegensatz dazu, waren die Leute, die sich vorher gegenseitig nicht gut kannten oder sich fremd waren, plötzlich wie Freunde.

Ein dünner vietnamesischer Mann mit Hồ-Chí-Minh-Bart, der hinter unserem Haus wohnte, war immer zurückhaltend und still. Er äußerte sich dann in der Zeit negativ über die Regierung und hetzte andere Menschen gegen Polizisten und einige Bewohner des Stadtteiles auf.
In unserem Stadtteil wohnten vier Polizisten, die natürlich auch Vietnamesen waren. Einer davon wohnte neben uns. Seine Frau kam zu uns, um ihre Sorgen und Ängste zu teilen: "Die Freunde und Bekannten, auch mein Schwager, wenn sie uns begegnen, besonders meinen Mann, dann drehen die sich um und tun als ob sie uns nicht kennen. Mein Mann geht fast nicht mehr aus dem Haus. Was wird mit uns passieren, wenn die hier einmarschieren . . . . . . . . ziehen sie meinen Mann in die Öffentlichkeit und richten über ihn, so wie bei der Agrarreform (1946-1957) in Nord-Vietnam? Wir haben solche Angst." Die Nachbarin zitterte vor Angst und Sorgen.
Meine Eltern wussten in dem Moment nicht, was sie Passendes sagen sollten, weil die Polizisten für die kommunistischen Spione immer der größte Feind waren. So, wie mit anderen Nachbarn und Freunden, sagten meine Eltern: "Immer die Ruhe behalten, nicht reagieren, einfach ignorieren, wenn man nichts Falsches getan hat, braucht man keine Angst zu haben." In Wirklichkeit wussten wir ganz genau, dass die Kommunisten bald vor der Tür stehen würden. Alle Leute waren in Panik, Angst, Sorge. Wer sich dabei normal verhalten konnte, das wäre kein Mensch oder er wäre einer von den Kommunisten.
Zufällig hatten wir ein Paar Reissäcke á hundert Kilo, große Kartons mit Sardinenbüchsen und eingelegtes Gemüse von einem Lagerhaus-Besitzer zu einem günstigen Preis bekommen. Die Waren gehörten einer Import- und Exportfirma. Der Betreiber war vor einigen Tagen schon ins Ausland geflogen. Meine Mutter wollte die Nachbarin beruhigen und trösten: "Wir haben ein wenig mehr vom Reis, brauchen sie welchen?" "Ja, wir wären ihnen sehr dankbar! Wir waren schon überall, aber haben so wenig bekommen. Außerdem hat man diesen Monat noch kein Honorar an meinen Mann gezahlt. Die haben gesagt, dass er abwarten müsse, aber seit gestern war keiner mehr im Verwaltungsbüro." Die Nachbarin, Frau des Polizisten, bekam von uns eine große Schüssel Reis, ein Dutzend Sardinenbüchsen und trug alles mit ihrer Tocher nach Hause, nachdem sie uns noch einmal Danke gesagt hatte.

Nach dem 30. April 1975 wusste man, dass der Mann mit dem außergewöhnlichen Bart einer von denen war, ein Spion des neuen Regimes. Ein Marineoffizier, den ich aus der Druckabteilung des Marinehauptquartiers kannte, war auch einer von denen. Es gab fast überall in jedem Bereich in Süd-Vietnam Spione für das kommunistische Nord-Vietnam, sogar bei den "Thượng toạ/Thera, geistige Führer des Buddhismus". Wenn die nicht die Maske fallen gelassen hatten, dann weiß man es heute auch noch nicht!

Am 28. April 1975 übergab Trần Văn Hương die Macht dann an General Dương Văn Minh. Dương Văn Minh war in der ersten Republik Süd-Vietnam Armeechef und Militärberater von Präsident Ngô Đình Diệm.
Im Jahr 1963 führte Dương Văn Minh mit amerikanischer Billigung den Militärputsch gegen diesen an und übernahm die Regierung. Präsident Ngô Đình Diệm, Präsident der ersten Republik Süd-Vietnam, galt mit seiner vom Ausland unabhängigen Politik zum Nutzen von Vietnam für die Amerikaner als ungehorsam. Er lehnte es ab, Amerikas Armee zum Kampf gegen die Kommunisten in Vietnam zu stationieren. Einverstanden war er nur mit einer Unterstützung durch Militärwaffen. Das wurde ihm zum Verhängnis. Durch Vermittlung des CIA-Mitarbeiters Lucien Emile Conein wurde Ngô Đình Diệm von seinen Generälen gestürzt, auch mit Unterstützung von buddhistischen Mönchen. Jahre später hatte man herausgefunden, das die meisten "Thượng toạ/Thera, geistige Führer des Buddhismus" Spione des kommunistischen Vietnam waren, und bis heute noch sind. Ngô Đình Diệm, ein Katholike, flüchtete am 2. November 1963 mit seinem Bruder Ngô Đình Nhu in die "Cha Tam" Kirche in Chợ Lớn und wurde von den Putschisten brutal ermordet.
Mit Dương Văn Minh hatte Trần Văn Hương die Hoffnung, dass er vielleicht ein Möglichkeit hätte, für das Land einen Rettungsplan zu haben . . . . . . . oder zu kapitulieren! Aber wie?!?!

Die Kommunisten standen in Saigon schon vor der Tür. Die wichtigen und großen Firmen, Konzerne und Fabriken wurden bereits dicht gemacht. Die Inhaber und deren Vermögen hatten sich schon vor einer Woche ins Ausland abgesetzt.

Vor dem Einmarsch der kommunistischen Volksrepublik Vietnam aus dem Norden hatten Intellektuelle, westlich orientierte Einwohner und Normalbürger der Republik Vietnam im Süden aus Angst, ihre Wertsachen und ihr Vermögen in Sicherheit gebracht. Westliches Kulturgut und Zeugnisse kapitalistischer Lebensweise wurden möglichst schnell komplett vernichtet.

In dieser Zeit hatte auch meine Familie die Geschäftsunterlagen, Kunstsammlung, Belletristik und Sachbücher aus der Republik China (Taiwan), der Republik Vietnam aus dem Süden, Hong Kong und Westen vernichtet. Die mehr als 30 Reissäcke á 100 kg wurden in Flüssen versenkt, zusätzlich sind dabei auch ein Großteil meiner frühen Werke zum Opfer gefallen, denn die könnten, so mein Vater, als kapitalistisch, vergnügungssüchtig und gegen die Arbeiterklasse verstanden werden. Auch fast alle Ausstellungskataloge und Fotomaterial waren dabei, sowie besonders auch schöne Kleider unserer Familie, die nur zu festlichen Angelegenheiten angezogen wurden. Von denen konnte meine Mutter sich nur schwer trennen. Aber das sollte auch nicht in die Hände von Fremden gelangen. Es gab nur noch einige Lehrbücher über Mathematik und Allgemeinwissen, die übrig blieben.

Anfangs hatte jede Familie die Vernichtung heimlich gehalten. Die Sachen wurden in der Nacht oder am frühen Morgen in den Flüssen versenkt. Später hatten alle gemerkt, dass sie nicht die einzigen waren, sondern alle hatten dasselbe Problem, die "Dinge" loszuwerden. Dann hatten alle keine Angst und keine Geheimnisse mehr.
Beim dritten Mal war ich am Fluss, um die Bücher zu versenken, die Sonne war gerade aufgegangen. Ich bekam einen Schreck, als ich plötzlich sah, wie am Ufer, circa 30 Meter von mir entfernt, auch ein Mann und eine Frau am Ufer hockten, die mit den Händen gerade noch die großen Reissäcke griffen. In Wirklickeit hatten wir uns gegenseitig erschreckt. Die beiden schauten mich an und grinsten plötzlich freundlich, dann nickte der Mann mit seinem Kopf. In dem Moment hatte ich plötzlich verstanden, was er meinte. Wir ließen die Reissäcke aus unseren Händen los und diese sanken langsam in den Fluss.
Ich hatte gehört, dass Hitler Bücher verbrennen ließ. Das war erschreckend, aber ich hatte das nicht mit meinen eigenen Augen gesehen. Aber hier und in diesem Moment musste ich mit meinen eigenen Händen unsere geliebten Kunstwerke und Bücher vernichten. In mir war nicht nur Wut, Angst, Traurigkeit und Verzweiflung sondern auch Schmerz!

Für das Volk ging es überraschenderweise schneller als gedacht. Denn die Armee der Republik Süd-Vietnam hatte keine Möglichkeit mehr weiter ihr Land zu verteidigen, weil die Munition ausging. Die Armee des kommunistischen Nord-Vietnam und die Việt Cộng waren mit russischen Panzern nach Saigon hineingedrängt und bereits im Präsidenten-Palast. Nur zwei Tagen nachdem Dương Văn Minh als Präsident der Republik Süd-Vietnam die Macht übernommen hatte, hatte er am 30. April 1975 gegenüber dem kommunistischen Nord-Vietnam (Sozialistische Republik Vietnam) und dem Việt Cộng kapituliert und er verkündete, dass die südvietnamesische Regierung aufgelöst wurde.


Der neue Staat, die "Sozialistische Republik Vietnam"

Am 30. April 1975 war der Krieg wirklich endgültig vorbei, so wie es sich viele Menschen in Süd-Vietnam immer gewünscht, es sich aber anders vorgestellt hatten. Die Armee des Nordens marschierte nach Süden und ganz Süd-Vietnam wurde auch dunkelrot gefärbt!!!

"Đảng lãnh đạo, Nhà nước quản lý, Nhân dân làm chủ! / Die Partei führt, die Regierung verwaltet, das Volk ist der Eigentümer!" - Vietnamesische kommunistische Partei

Der erste Schritt, nachdem das kommunistische Vietnam die Republik Süd-Vietnam eingenommen und den Sieg erklärt hatte, war, dass Akademien, Fachhochschulen, Universitäten , Schulen, Verlage, Druckereien, staatliche Büchereien, Bücherhäuser, Bücherläden und Zeitungsverkaufsstellen, alles, alles ab sofort dicht gemacht wurden. Alle literarischen Werke, Fachbücher, Magazine, Illustrierte, Drucksachen und Zeitungen der oben genannten Institutionen wurden nach und nach alle und alles gesammelt und ins Feuer gelegt bis sie zu Asche verwandelt waren.

Alle Strukturen und Denkmäler in jeder Stadt wurden auch am ersten "Befreiungs"-Tag zertrümmert. Nur wenige Denkmäler von vietnamesischen Helden der Antikzeit wurden veschont. Alle Kunstwerke, gleichgültig in welchem Stil, wurden in den öffentlichen Gebäuden, Ämtern, Firmen, Fabriken abgehängt. Ein Teil wurde sofort zerstört, ein Teil wurde abtransportiert, irgendwohin. Stattdessen wurden Portraits von Onkel Hồ (Hồ Chí Minh) dann an den wichtigen Stellen "ordentlich" präsentiert, dazu noch die Propaganda-Plakate der Partei.
Überall auf den Plätzen der Stadt, in den Eingängen der Parks, wo man auch hinblickte, sah man Portraits von Onkel Hồ. Auch auf den Altaren der Tempel und Kirchen wurden Portraits von ihm präsentiert. Natürlich auch die Propaganda-Plakate der Partei und riesig große Plakatwände und Banner wie:"Không gì quí hơn độc lập tự do! / Nichts ist kostbarer als Unabhängigkeit und Freiheit!"

Sofort wurden auch Regierungsmitglieder, höhere Beamte und Armee-Offiziere der Republik Süd-Vietnam gesucht, abgeführt und verhaftet, außerdem auch Einzelpersonen, Leute aus Vereinen und Organisationen, die gegen das kommunistische System waren. In der Bevölkerung der ehemaligen Republik Süd-Vietnam gab es Verhöre und Durchsuchungen nach den oben genannten Personen, die noch monatelang nach dem 30.04.1975 andauerten. Es schürte eine Stimmung der Angst, Sorge und Spannung unter ihnen.

Meine Schwester kam nach ein Paar Tagen nach Hause, um sich umzuziehen. Ihre drei besten Studienkameradinnen waren auch nur kurz bei uns, weil sie sofort wieder zurück mussten, wo sie herkamen, der Universität.
Ein Tag nachdem Süd-Vietnam sich dunkelrot gefärbt hatte, wurden alle Studenten, Schüler und Arbeiter von Verlagen, Druckereien, staatlichen Büchereien, Bücherhäusern usw. vom neuen Regime über das Radio aufgerufen zu ihren Stellen zurückzukehren und mit den Revolutionären zu kooperieren, wenn sie nicht als Reaktionäre gelten wollten! Mit diesem Aufruf waren die Menschen natürlich "bereit dazu" und sind "freiwillig" zurück zu ihren Stellen gegangen um sich zu melden, weil sie Angst und Sorgen hatten, es könne ihnen etwas Schlimmes zustoßen.
Mit gestresstem, verzweifelten, ärgerlichen und ängstlichen Ton erzählte die Studienkameradin meiner Schwester, dass jeder Student nach "deren" vorgeschriebenem Text laut sagen musste, dass alle Bücher in der Bibliothek und der ganzen Uni zu der verfallenen und verdorbenen Kultur gehörte und deshalb alles verbrannt werden musste. Dann mussten alle Studenten ganz laut rufen: "Verfallen, verfallen, verdorben, verdorben" . . . . . . "Verbrennen, verbrennen". Die andere Kameradin sagte unter Tränen: "Die haben uns gezwungen, . . . . . gezwungen!"
Meine Schwester: "In den Experimental-Räumen haben die auch dummerweise mit den Gewehren alle Reagenzgläser zerschlagen" "Bei den Geräten haben die Genossen uns dauernd gefragt, was das sei. Wir haben erklärt, aber die haben auch sofort alles wütend kaputt geschlagen", erzählte eine Studienkameradin. Sie sagte weiter:"Die teuer importierten Geräte aus Europa und Amerika . . . . . . . Einige Geräte hielten sie für Funkkgeräte zum Kontakt mit den "Reaktionären", besonders bei Telefonen." Mein Vater: "Die haben solche modernen Geräte noch nie gesehen. Besonders die Việt Cộng, die meisten von denen haben sich bisher nur im Dschungel versteckt, woher sollten sie die kennen!"

Meine Schwester und ihre Studienkameradinnen hatten seit Tagen fast nichts gegessen. Jeder aß schnell bei uns eine Schale Reis mit Sardine aus der Büchse –gut, dass wir die noch hatten - und ein bisschen Gemüse dazu, dann machten sie sich wieder auf den Weg. Sonst drohte ihnen, dass sie "den Wert der Arbeit kennenlernten" . . . . . . weit, weit weg von Saigon, wie es Dutzenden von Studenten bereits passiert war.

Von gegenseitigen Erzählungen erfuhren die Studentengruppen, was bei anderen Gruppen bei der "Kooperationsarbeit" mit den Genossen in der Uni passiert war.
Ein Student einer anderen Gruppe erzählte, dass in der Bibliothek der Uni ein Genosse eine Studentin gerufen hatte und fragte: "Cô kia / Fräulein da, Was haben sie da an der Hand?" "Meinen sie mich?", antwortet eine Studentin. "Nein, neben ihnen." Die nebenstehende Studentin: "Ich?" "Ja, sie, was habe sie da an ihrer Hand?" Die Studentin war irritiert: "Bücher für die Sammelstelle!" "Nein, ich meine an ihrem Finger", der Genosse war ein wenig ungeduldig. Die gefragte Studentin: "Einen Ring, den habe ich von meiner verstorbenen Oma geerbt." "Geben sie her!" Die Studentin zögerte ein wenig, aber die Kameraden flüsterten ihr zu: "Wir haben allen Schmuck zuhause gelassen, wieso du nicht . . . !". Dann gaben sie ihr ein Signal, dass sie den Ring dem Genossen aushändigen sollte. Der Genosse nahm den Ring zwischen die Fingerspitzen, schaute genau hin und her. Ein paar Mal drehte er den Ring in der Handfläche um und schaute noch genauer hin, dann: "Gold?" Die Studentin: "Gold!" "Genossen, kommt mal her, ein Goldring", rief der Genosse. Die anderen Genossen schauten den Ring noch genauer an. Einer kratzte sogar mit den Fingelnägeln an dem Ring, der andere biss hinein oder rieb ihn an der Haut. Dann kam ein Genosse aus einem anderen Raum und nahm den Ring mit, um ihn auch den anderen Genossen zu zeigen.

Die Studentin hatte den Ring nicht zurück bekommen. Nach zwei Mal Nachfragen hatte ein Genosse erklärt, dass der Ring "vorübergehend" von seinem Gruppenführer einbehalten werden würde, dann würde der obere Kommandant über die Sache entscheiden.
Die Studentin hatte den Ring nie zurück bekommen. Das war ein einfacher Goldring, den sie von ihrer Oma geerbt hatte. Seit mehr als acht Jahren hatte sie ihn immer am Finger, zum Andenken an ihre verstorbene Oma.

Es gab auch viele weitere Geschichten über die Geschehnisse zu der Zeit in der Uni, die sich die Studenten gegenseitig erzählten, die unglaublich waren!
Nicht nur in der Universität sondern auch in anderen Institutionen, unter der normalen Bevölkerung passierten auch Geschichten mit den "Befreiern", die bei der Erzählung unglaublich klingen, die aber alle wahr sind, wahre Geschichten. Es war wirklich passiert.
Eine Mutter von vier Kindern erzählte, dass die Familie einen Tag nach dem Überfall, also am 1.5.1975 zum Abendessen bereit war. Auf dem Tisch: Ein Teller von "Thịt kho Trứng / Bauchfleischstücke, gekochte Eier geschmort mit Fischsoße (Ein bekanntes süd-vietnamesisches Gericht)", ein halber gebratener trockener Fisch und eine große Schale gekochtes Gemüse mit Wasser. Daneben ein Topf mit gekochtem Reis. Die Frau erzählte: "Das war, was wir noch von den letzten Tagen übrig hatten. Es gab überall nichts mehr zu kaufen, mit dem Fisch und dem Fleisch müssen wir vielleicht noch Wochen auskommen."
Als die Familie das Abendessen beginnen wollte, wurde plötzlich die Haustür aufgestoßen, sieben Genossen von der "Befreiungs-Armee" kamen ins Haus. Nachdem sie das Haus überall durchsucht hatten, kamen sie zu der Familie am Esstisch. Ein Genosse fragte: "Was essen sie da?" Der Vater: "Fisch . . . getrockneter Fisch, Schweinefleisch und Eier." "Wo kommen die Sachen her?" Die Mutter erklärte: "Die habe ich vor ein paar Tagen noch auf dem Markt bekommen." Dann zeigte der Genosse auf den Kochtopf: "Und was ist da drin?" Der Vater: "Reis . . . gekochter Reis." Ein anderer Genosse: "Von der neuen Ernte?" Die Mutter erzählte: "Es gab seit Jahren nicht mehr genug eigene Ernte für die Bevölkerung, die Reisfelder wurden vom Krieg fast alle zerstört. Das ist ausländischer Reis . . . aus Amerika." Ein "Befreier" reagierte plötzlich panisch: "Vorsicht, die wollen uns vergiften. Esst das nicht!" Die Eltern reagierten total verwirrt. Was meinten die Genossen mit "vergiften"? Amerikanischen Reis hatte die Familie schon seit Jahren gegessen! In dem Moment konnten die Eltern nur warten, bis die Genossen der"Befreiungs-Armee" gingen, dann könnten sie in Ruhe zu essen anfangen, weil sie schon Hunger hatten."
Ein anderer Genosse flüsterte einem anderen ins Ohr: "Vorsicht Genossen, nicht essen, was von den Feinden kommt, das könnte giftig sein!" Dann sagte er weiter zu der Familie mit lautem Ton: "Essen sie mal! . . . Essen sie!" Die Kinder waren vor Angst erschrocken und weinten. Die Eltern waren ängstlich und noch mehr verwirrt. Dann der Genosse: "Esst, esst, lasst die Kinder essen." Die Kinder weinten noch lauter, die Mutter bereitete langsam vier Schalen, jede mit ein wenig Fleisch und Gemüse und sagte zu den Kindern: "Kinder, nicht weinen, esst mal, . . . . . esst mal, sonst werdet ihr Hunger haben." Mit ängstlichem Blick zu den "Befreiern" fingen die Kinder langsam an zu essen, die Eltern schlossen sich an.
Plötzlich rief der "Befreier" wieder laut: "So, das reicht!" Die Genossen kamen dann schnell zum Tisch, nahmen das Essen für sich und die Eltern mussten ihre Kinder weg vom Tisch ziehen.
Nachdem die "Befreier"-Genossen alles auf dem Tisch aufgegessen hatten, gingen sie auch noch zum Herd, um die Reste aus den Kochtöpfen zu essen. Dann sagte ein "Befreier"-Genosse mit einem gemütlichen, zufriedenen Tonfall: "Wir kommen, um euch zu befreien. Die Sklaverei und Ausbeutung ist jetzt für euch vorbei. . . . Was wir hier sehen, ist nur Armut und Elend. Im Norden haben wir ein besseres Leben als hier. Alle sind mehr als glücklich und satt vom guten Essen." Ein anderer "Befreier": "Wir haben moderne Hochhäuser, Fabriken und Krankenhäuser . . . alle sind ganz modern . . . . . der kommunistischen Partei sei Dank."
Das glaubte natürlich trotzdem niemand und in Wahrheit war das Leben des Volkes in Süd-Vietnam anders als es die Dauerpropaganda der kommunistischen Partei Vietnams erzählte. Die "Befreier"-Genossen erzählten, egal wo und wann sie erschienen, immer die Unwahrheit über Süd-Vietnam, obwohl sie die Tatsachen mit ihren eigenen Augen sahen. Sie erzählten die Lügen und machten Propaganda für die kommunistische Partei Vietnams und deren Regierung, als ob man ihnen eine Sprechmaschine in ihr Hirn gepflanzt hätte!
Die Wahrheit war auch, dass es bis zu der Zeit kein einziges Hochhaus in der "Sozialistischen Republik Vietnam" zu sehen gab. Das einzige hohe Gebäude war das Mausoleum von Hồ Chí Minh in Hà Nội. In der Bevölkerung gab es nicht genug zu essen, sie waren froh, wenn es eine einfache Mahlzeit gab. Die Tatsachen der "Sozialistischen Republik Vietnam" vor 1975 wurden auch von Journalisten aus Amerika und Europa mit Fotos und Filmen dokumentiert.

Ein großer Demonstrationszug mit "Begleitern" marschierte durch die großen Straßen der Stadt Saigon. Man sah Schilder, die von den Demonstranten hochgehalten wurden, wie zum Beispiel: "Nieder mit dem Kapitalismus", "Nieder mit dem Individualismus", "Nieder mit der verfallenen und verdorbenen Kultur", "Vernichtet die reaktionäre, verfallene und verdorbene Kunst und Literatur", "Für ewig Vorsitzender Hồ Chí Minh ", usw. Die "Begleiter" sprachen ganz laut durch den Lautsprecher die Texte auf den Schildern nach und die Demonstranten sprachen sie ebenfalls im Zweiminutentakt nach. Man hörte auch, dass die "Begleiter" nicht zufrieden waren mit vielen der Demonstranten und immer lauter schrien: "Lauter, lauter . . . . . . lauter!"
In der Menge am Straßenrand waren einige irritierte Leute, die neugierig zuschauten und nicht ganz zu verstehen schienen! Denn man sah überall die großen Banner: "Không gì quí hơn độc lập tự do! / Nichts ist kostbarer als Unabhängigkeit und Freiheit!" Was meinten die Genossen wirklich mit "Freiheit"? Es gab Leute, die sich so gefreut hatten, dasss der Krieg endlich vorbei war und sie sich wieder frei ausleben konnten, so wie zum Beispiel ein Ex-Grundschul-Kamerad von mir: "Siehst du, nichts ist kostbarer als Freiheit, wir können endlich frei leben." In dem Augenblick kamen die Demonstrations-Begleiter zu ihnen und den anderen Passanten und zogen diese zusammen in den Demonstrationszug hinein. Die anderen Passanten versuchten unbemerkt und auf der Stelle zu verschwinden.
Ich ging auch schnell in eine Nebenstraße hinein. Einen Schreck bekam ich, als ca. 30 Meter vor mir eine kleine Gruppe Leute von zwei Polizisten kontrolliert wurde. Ich drehte mich sofort um und ging in eine kleine Querstraße. Gleichzeitig schaute ich kurz zurück und sah, dass die Leute von den zwei Polizisten in Richtung des Demonstrationszuges geführt wurden. Gut, dass sie mich nicht gesehen hatten! Mit schnellem Tempo ging ich weiter . . . . . . . . . . . .

Es gab eine Bekanntmachung: Wer Drucksachen in jeglicher Form, Bilder, Strukturen, Uniformen der alten Regierung, von westlichen oder von westlich orientierten Ländern besaß, sollte diese unverzüglich bei der örtlichen Behörde abgeben.
Bei der Abgabe musste der Name und die Adresse des Besitzers angegeben werden. Jedes Buch, jede Illustrierte, jedes Magazin usw. wurde von den Behörden notiert, sowie auch jedes Kunstwerk. Danach mussten die Besitzer sich jeden Tag zum "Interview" bei den Behörden melden. Wer arbeiten musste, bekam offiziell einen Bescheid für seine Arbeitseinheit, um für die "Interview"-Stunde frei zu bekommen. In Wirklichkeit mussten sich die Arbeiter aber jeden Tag nach der Arbeit bei den Behörden melden. Das tägliche "Interview" konnte bis zu drei Stunden dauern.
Es wurden bei den "Interviews" immer dieselben Fragen gestellt, wie: "Wissen Sie, wer noch solche verfallenen und verdorbenen Kulturgüter besitzt?", "Wann haben sie dieses Buch gelesen? Erzählen sie uns den Inhalt!", "Wie fanden Sie den Inhalt dieses Buches? . . . . . Gut? " oder "Was interessierte sie am Inhalt dieses Buches? . . . .Warum?" oder "Was interessiert sie an diesem Bild? Erzählen sie, was das für sie bedeutet!", "Wann haben sie dieses verfallene und verdorbene Kunstwerk bekommen?", "Kennen sie den Schriftsteller/Künstler persönlich?" usw.
Die "Interviews" haben für manche Personen monatelang gedauert. Manche mussten nach dem "Interview" noch bis zu einem Jahr lang täglich an "Hilfe-Seminaren" teilnehmen, um sich an "gesundem Gedanken und Geist zurück zu orientieren" und den "Wert der Arbeit zu erkennen".

Personen, bei denen bei einer Durchsuchung noch "verfallene und verdorbene Kultur bzw. Sachen" gefunden wurde, wurden natürlich sofort zur Umerziehung an einen fremden Ort gebracht.
Viele Leute, wie zum Beispiel wir, die die "verfallene und verdorbene Kultur" vor dem 30.4.1975 vernichtet oder diese gut versteckt hatten und die dann zum großen Glück nicht von den Behörden des neuen Regimes bei einer Durchsuchung gefunden wurde, blieb dieses Schicksal erspart. Bei uns fand man nur ein paar Mathematik- und Allgemeinwissen-Bücher, trotzdem wurden sie von der Behörde beschlagnahmt.
Was wäre passiert, wenn die "reaktionären Schriftsteller und Künstler" es nicht geschafft hätten vor dem 30.4.1975 ins Ausland zu fliehen, sie es nicht geschafft hätten ihre Werke zu vernichten oder sie es nicht geschafft hätten sie außer Landes zu bringen? Allein der Gedanke daran verursachte bei mir Gänsehaut! In dem Moment war ich froh, dass ich in vietnamesischen Kunstkreisen nicht so bekannt war, sondern stattdessen landesweit bekannt in der chinesischen Gesellschaft und Künstlerszene, denn meine Leidenschaft hatte und habe ich hauptsächlich für die chinesische Tuschemalerei. Dadurch hatte das neue vietnamesische Regime mich nicht im Auge gehabt und ich war in diesem Fall einem schlimmen Schicksal entkommen.

Alle Schüler und Studenten, die die Schule und Universität zur alten Regierungszeit besucht hatten, darunter auch meine Geschwister, wurden zu allen möglichen schweren Arbeiten abkommandiert, um "den Wert der Arbeit zu erkennen". Die meisten waren froh, dass sie eine Mahlzeit bekamen, halb satt waren und nicht verhungerten.
Nur die Kinder der Grundschule durften wieder in die Schule gehen. Die chinesischen Schulen wurde alle verstaatlicht, genauso wie ihre modernen Krankenhäuser. Die chinesischen Grundschüler wurden auch wieder unterrichtet, aber nur noch in vietnamesisch. Es gab kein chinesisches Schulsystem mehr.
Es fing alles wieder neu an, ein neues Lernsystem der kommunistischen Regierung. Nur mit den Kindern kann man ein neues Erziehungssystem anfangen.

Später, etwa nach acht Monaten, erzählten meine jüngste Schwester und mein Bruder, zwölf und zehn Jahre alt, dass in der Schule bis zu der Zeit nur Lieder und Lektionen gelehrt wurden, die inhaltlich die kommunistische Partei lobten, Onkel Hồ Chí Minh ehrten, und über den bösen Kapitalismus und die Aggressoren aus USA erzählten, die man vernichten müsse.
Es war für meinen jüngsten Bruder und die Schwester langweilig, immer dasselbe Thema in der Schule zu hören und es fast dauernd zu wiederholen. Mein Bruder mochte nicht mehr zur Schule gehen und sagte: "Für so etwas muss ich nicht in die Schule gehen, wenn ich möchte, dann kann ich das auch zuhause lesen . . . . . immer dasselbe!" Das hatte meine Eltern und mich sehr besorgt. Mein Vater hatte ihn angewiesen, dass er weiter in die Schule gehen sollte. Nicht in die Schule zu gehen, das hieß: Gegen das Schulsystem und gleichbedeutend auch gegen die Regierung zu sein.
Andererseits hatten meine Eltern sich gefreut, weil viele andere Kinder ein ganz anderes Verhalten hatten, das deren Eltern empörte: Die Kinder erzählten und sangen zuhause dauernd über Onkel Hồ, erklärten den Eltern über die Partei und was die alles für das Volk getan hatte. Alle sollten dankbar sein, dass es die kommunistische Partei gab, sonst wäre man ein Verräter. "Ich möchte kein Verräter sein, und Mutter, Vater, ihr sollt auch keine Verräter sein, nicht wahr!?" Die Kinder waren in der kurzen Zeit schon sehr stark beeinflusst und für ihr Alter sehr politisch geworden. "Früher waren wir nur Arbeiter, jetzt sind wir die Eigentümer des Landes. Die Regierung arbeitet und verwaltet für uns. Die Partei führt uns und zeigt uns den richtigen Weg!" . . . . . . .
Die Kinder, besonders die Jungpioniere spionierten ihren Eltern nach. Die Eltern mussten sich vorsichtig vor ihren Kindern und bei Kontakt mit anderen Leuten äußern. Noch schlimmer war, dass manche Kinder sogar ihre Eltern unter Druck setzten und drohten: " . . . . . . . wenn nicht, dann erzähle ich dem Parteifunktionär, dass ihr . . . . . . . . . . . !!!!"

Ein sehr bekanntes Kinderlied, das immer von Kindern gesungen wurde, überall und auch zuhause, war: "Đêm qua em mơ gặp Bác Hồ. Râu bác dài tóc Bác bạc phơ . . . . . . . . . . / Gestern Nacht habe ich von der Begegnung mit Onkel Hồ geträumt, der Bart vom Onkel ist lang und die Haare sind grau . . . . . . . ." und danach hatte fast jedes Kind die Sehnsucht, Onkel Hồ zu treffen. Dafür sollten die Kinder der Partei treu und gehorsam sein und brav, wenn sie ihren Traum verwirklichen wollten. Gegenüber den Eltern war das Verhalten der Kinder das Gegenteil.

Irgendwann, eine kurze Zeit später, kamen meine jüngsten Geschwister von der Schule nach Hause. Mein jüngster Bruder hatte ein rotes Tuch um den Hals gebunden. Seine Klasse wurde zur Jungpionierklasse erklärt, weil in der Klasse viele aktive und "gute" Schüler waren. Ein großer Teil der Schüler hatte damit die Veranwortung, dass sie mehr Einfluss auf die anderen der Klasse hatten, die noch nicht so weit waren, weil sie bei dem Programm der Partei noch nicht so aktiv waren.
Die Schüler wurden in Gruppen aufgeteilt, jede Gruppe mit ein oder zwei, die noch von den anderen lernen sollten, um ein guter Jungpionier der Partei zu werden. Natürlich gab es einen in jeder Gruppe, der direkt vom jungen Parteifunktionär ausgebildet und als Führung der Gruppe eingesetzt wurde.
Mein Bruder traf sich nach der Schule ab und zu mit seinen zwei engsten Kameraden bei uns zuhause. "Niemand kann mich beeinflussen, ich mag die nicht." "Bei mir ist das auch so, die sollen machen was die möchten, ich aber nicht . . . . . . . Mein Vater sagt zu mir, dass ich mich auch ein bisschen anpassen soll." "Mein Vater fragt sich auch, was das alles in der Schule soll, aber mein Vater sagt auch, das wir ein wenig so tun sollen, damit die nicht unzufrieden mit uns werden." Meine jüngste Schwester verhielt sich meistens ruhig: "Ihr sollt leise sein, vielleicht hört jemand euer Gespräch, und nicht in der Schule darüber sprechen. . . . . . . . . . . ."

Im Jahr 1978 ließ mein Vater meinen jüngsten Brüder nach seinem Willen zusammen mit meinem ältesten Bruder und seiner Familie aus Vietnam mit dem Boot flüchten. Mit dabei waren auch drei andere Brüder von mir. Später in Australien hatte mein jüngster Bruder mit erfolgreichem Abschluss studiert, genauso später die Kinder von meinen Brüdern und Schwestern, die auch heute in Australien und den USA leben.

Nach dem 30.4.1975 wurde sofort auch die Bevölkerung unter die strenge Kontrolle der Polizei, der sogenannten "Công An /Öffenliche friedliche Ordnung" des neuen Regimes gebracht, indem jeweils zehn Häuser (zehn Familien) zu einer Gruppe zusammengeschlossen wurden mit je einem Gruppenvorstand. Je zehn Gruppen bekamen dann einen "betreuenden Polizisten".

Der "betreuende Polizist" konnten jederzeit die Gruppenvorstände zur Versammlung rufen und sich darüber informieren lassen, was alles in den Gruppen abgelaufen war. Wer hatte was gemacht, wer hatte was geäußert, wer hatte Kontakt mit wem, wie verhalten sich die Leute in den Gruppen. Wenn nicht rechtzeitig informiert wurde, dann wurde der Gruppenvorstand mit verantwortlich gemacht. Nicht nur der "betreuende Polizist" sondern auch andere Polizisten und Behörden konnten jederzeit jede Familie "besuchen", sehen ob alles "in Ordnung" war und Fragen stellen. Der Gruppenvorstand hatte auch die Aufgabe, die Leute zu animieren die Richtlinien der kommunistischen Partei und der Regierung auszuführen und zu Versammlungen zu gehen.

In jeder Gruppe sollte ein Gruppenvorstand gewählt werden, aber fast in allen Gruppen wollte niemand dafür kandidieren und am Ende wurde vom "betreuenden Polizisten" jemand ausgesucht und zum Gruppenvorstand bestimmt.
In unserer Gruppe hatte ein Mann sich nominieren lassen, aber die Leute hatten meine Mutter als Vorstand vorgeschlagen. Meine Mutter hatte viele Gründe genannt, warum sie das nicht annehmen sollte, wie zum Beispiel: "Wir waren eine Unternehmer-Familie. Nicht eins meiner großen Kinder hat bis jetzt richtig gearbeitet und stattdessen nur studiert. Meine Kinder waren auch in der Armee der Ex-Regierung . . . . . . . Das wurde schon als Verrat an der Arbeiterklasse betrachtet! Nein, nein, ich möchte nicht . . . . . ." Meine Mutter hatte noch nicht zu Ende geredet, aber die Leute ließen das nicht gelten und wollten unbedingt, dass meine Mutter die Gruppenvorstandsfunktion annehmen sollte: "Ihre Kinder hatten sich nicht freiwillig bei der Armee gemeldet. Sagen sie, dass das die Wahrheit ist." Eine andere Nachbarin: "Ja! Mein Junge wurde auch zur Armee 'gezwungen'!" , natürlich hatte die Nachbarin nicht die Wahrheit gesagt. Ein Anderer: "Große Schwester, nehmen sie die Stelle als Vorstand bitte an, . . . . bitte!" "Ja, bitte, bitte !"
Der "betreuende Polizist" hatte das die ganze Zeit beobachtet und zeigte ein neugieriges und erstauntes Gesicht. Als er zu Wort kommen wollte, flüsterte der Mann, der neben meiner Muter saß, in ihr Ohr: "Nehmen sie die Stelle bitte an, Große Schwester, wenn er einen bestimmt, einen von denen, dann haben wir kein Leben mehr!" dann rief der Nachbar plötzlich laut: "Große Schwester Trần (陳/Chen), vertrete unsere Gruppe, ich bin dafür!" "Ich auch!" Der ganze Raum war in tiefer Spannung, dann plötzlich ganz laut, denn fast jeder meldete sich zu Wort: "Ja, ich bin auch für Große Schwester Trần!" "Ich natürlich auch." "Ich auch!" . . . . . . . . . Es war so laut und meine Mutter konnte nicht mehr ihre eigene Meinung dazu sagen . . . . . . . . . . . Der "betreuende Polizist" stand mit einem unzufriedenen Gesicht auf, er drehte sich um, ging zur Ausgangstür und sprach mit dem Rücken zu den Leuten: "Die Versammlung ist beendet."

Auf dem Weg nach Hause sagte ein Nachbar: "Große Schwester, gut, dass du die Stelle angenommen hast. Wir wissen, dass in unserem Viertel genug von denen sind. Wenigstens kann ich heute Nacht ein wenig schlafen! . . . . . Und Morgen . . . . . man weiß nicht, was Morgen noch passiert!" Ein anderer Nachbar: "Ja, ich bin auch froh darüber, ich und mein Mann hatten vorher solche Sorgen! Der im grauen Hemd, der sich für die Stelle nominiert hatte, ist bestimmt einer von denen." Die Nachbarin neben uns (Frau des Ex-Polizisten): "Wir wissen, dass unsere Große Schwester uns nicht verraten wird. Wenn einer von denen uns vertreten würde, dann hätten wir noch mehr Sorgen und ungewisse Angst." Die ganzen Nachbarn diskutierten weiter auf dem Weg nach Hause mit Sorgen und Spannung, denn sie wussten nicht, was in den nächsten Tagen noch passieren würde!

Meine Mutter fühlte sich als Opfer für das Ganze, was bei der "Wahl-Versammlung" passiert war. Mein Vater war "krank" und deswegen nicht bei der "Wahl-Versammlung" dabei. Als er erfuhr was in der Versammlung passiert war, war mein Vater wortlos und hatte Sorgen, dass meine Mutter in eine schwierige Lage geraten war und wie demnächst die Situation geregelt werden könnte! Meine Mutter stand nach diesem Zeitpunkt in der Mitte, zwischen zwei Fronten!
In der Zeit danach, bevor sie zur Gruppenvorstandsversammlung ging, saßen mein Mutter, mein Vater und eins von uns Kindern zusammen und überlegten ganz genau, wie und was meine Mutter erzählen sollte, um die Nachbarn nicht zu verraten und am wichtigsten, dieses dem "betreuenden Polizisten" glaubhaft zu vermitteln. Am einfachsten wäre es zu behaupten: "Ich weiß davon nichts, ich habe nichts gehört und auch nichts gesehen." Aber es gab ein Problem: Vielleicht gab es in dem Viertel noch jemanden, der doch für den "betreuenden Polizisten" spionierte.
Meine Eltern schickten meine jüngste Schwester zu den Nachbarn, um ihnen zu sagen, dass sie bei einer Begegnung in der Öffentlichkeit den Kontakt vermeiden sollten. Bei einem Treffen müsse man dann sehr vorsichtig sein.
Wir warteten jedesmal gespannt zuhause bis meine Mutter von der Gruppenvorstandsversammlung zurückkam und hörten dann auch gespannt meiner Mutter zu, wie sie erzählte, was passiert war.
Es gab auch regelmäßige Frauenversammlungen und Jugendtreffs und die Menschen hatten keine Zeit mehr für ihr Privatleben.

Die "Befreiungs-Armee" des Nordens hatte den Plan ihrer Regierung gut ausgeführt. Sie wussten ganz genau, was sie sofort nach dem Sieg über das überfallene Süd-Vietnam durchführen sollten.
Sofort wurden Lagerhäuser der ehemaligen Regierung und von Privateigentümern verriegelt und unter Bewachung gestellt. Nach und nach wurden der Qualitäts-Reis und alle anderen Waren aus den Lagerhäusern nach Nord-Vietnam transportiert. Der Norden hätte angeblich bei der "Befreiung" des Südens viel geopfert, jetzt sollten sie mit den Gütern des "Aggressors USA" und der reaktionären Regierung des Südens entschädigt werden. Die Güter des Westens waren dort hoch begehrt. Genauso wurden später auch Rohstoffe, Reis und andere Güter von Kambodscha nach Vietnam transportiert, als das kommunistische Vietnam Kambodscha besetzte.

Ich wollte hinausgehen zu den zwei Lagerhäusern an den Uferstraßen des Flusses an der rechten Seite. Die Kinder der Besitzer waren Freunde von mir und ich wollte sehen was noch passieren würde. Eins davon war Studentin von Professor Meister 陈章卿 (Chen Zhang Qing) und das andere hatte ich bei der Marine kennengelernt. Der war in Amerika bei der Marineausbildung und zurück nach Vietnam gekommen . . . . . . . Ich ging zu der Terrasse und nachdem ich die Terrassentür geöffnet hatte, blieb ich stehen. Minutenlang stand ich dort, schaute dann über die Straße direkt in Richtung des Flusses vor unserem Haus. Ich erinnerte mich an damals . . . . . . . . . . .

Damals . . . . . . . . . im Jahr 1957 war unsere Familie aus der Provinz Ba Xuyên hierher umgezogen, an den Rand der Hauptstadt Saigon, ein ruhiger Ort, aber man konnte mit allen möglichen Verkehrsmitteln schnell das Zentrum der Metropole erreichen.
Unser Haus lag an der Uferstraße am Fluss, über die Straße gab es früher eine breite Wiese entlang des ganzen Ufers mit einer Reihe von 楊樹 (Cây Dương / Casuarina equisetifolia / Schachtelhalmblättriger Kasuarine Baum). Wir hatten einen freien Blick zur anderen Seite des Ufers und auf den Straßen war fast kein Autoverkehr. Eine Landschaft, die nicht nur schön war, sondern auch romantisch.
Als Kinder hatten meine Geschwister und ich immer in der trockenen Zeit mit der Matte auf der Wiese gesessen und gelegen und spielten nach dem Abendessen bis zum Sonnenuntergang. Mein Vater kam oft spät nach Hause, ansonsten saß er aber immer bei uns. Auch die Nachbarskinder kamen ab und zu, um mit uns zu spielen.
Auf der Wiese waren schöne wilde Blumen, und je nach Jahreszeit verschiedene Insektenarten. Am schönsten war die Zeit mit den Glühwürmchen.

In den Siebziger Jahren hatte sich der Krieg dramatisch verschlimmert. Die Menschen aus den Kampfgebieten waren nach und nach in die Hauptstadt Saigon geflüchtet. Die Flüchtlinge hatten die Bäume auf der unserem Haus gegenüberliegenden Wiese gefällt und dort ihre Häuschen gebaut. Seitdem konnten wir den Fluss und die andere Seite des Ufers nur noch sehen, wenn wir über unseren Hobbybauernhof auf der Wiese hinwegschauten. Der Hobbybauernhof war dann für mich der einzige Ort mit einem weiten Blick zur anderen Seite des Flusses für meine Früh-Gymnastik. Für uns, die Kinder, war der Hobbybauernhof ein Ort, an dem wir uns mit Pfanzen und Tieren beschäftigten. Aber nach dem Jahr 1975 waren in dem Hobbybauernhof nur noch einige Gemüse- und Kräuterpflanzen übrig. Es gab keine Blumen und Tiere mehr. Blumen waren ein Luxusgut und die Tiere wurden von der Behörde beschlagnahmt.

Der Fluss, an dem wir wohnten war ein Querfluss, in Wirklichkeit ein Kanal, der in der französischen Koloniezeit gegraben wurde, zwischen zwei Flüssen. Der Fluss zur linken Seite war sehr groß. Der zur rechten war kleiner, aber hatte dauernd Schiffsverkehr, weil es an dessen Uferstraße mehr Lagerhäuser gab, als bei dem Fluss vor unserem Haus.
Bei uns gab es nur zwei Lagerhäuser, beide lagen jeweils am linken und rechten Ende der Uferstraße, an der wir wohnten. Dort ging ich schon als Kind ab und zu hin, um die Schiffe zu betrachten, wie sie am Ufer anlegten und ablegten, wie die Warenträger die Waren auf der Schulter vom Schiff über eine schräge, elastische Holzplanke, circa 40 cm breit und 10 cm dick, bis zum Ufer und dann direkt ins Lagerhaus trugen. Das war eine tolle Leistung der Warenträger. Sie balancierten wie die Akrobaten im Zirkus. Es war auch schon damals ein unwohles Gefühl in mir, wenn ich diese Warenträger sah, wie sie oft Waren wie einen hundert Kilo schweren Reissack auf den Schultern trugen. Mit ihnen hatte ich immer Mitleid.

Am Ende der rechten Seite unserer Straße an der Flusskreuzung befand sich ein Hügel, genauso wie am anderen Ufer, unserem Haus gegenüberliegend. Die beiden Hügel waren durch eine Autobrücke verbunden, diese bestand aus einer Eisenkonstruktion und war mit dicken Holzplatten belegt. Man erzählte, dass die Brücke auch schon in der französischen Kolonialzeit gebaut wurde, und damals sehr wichtig für die Lagerhäuser der Gegend war, später dagegen, etwa zu meiner Kindheitszeit, war sie nicht mehr notwendig. Auf dieser Brücke fuhr seit meiner Kindheit kein Auto mehr, weil die Holzplatten nicht mehr stabil waren und sie drohte jederzeit einzubrechen. Die Brücke wurde nicht repariert, solange wir dort lebten. Es war für das Straßenbauamt nicht so wichtig, es fuhren in der Gegend sowieso sehr wenige Autos und diese mussten dann nur einen kleinen Umweg fahren.

Ein lauter Schrei holte mich zurück in die Gegenwart. Der alte Nachbar, Onkel Sáu, der schräg gegenüber von uns wohnte, lief auf der Mitte der Straße, wie es schon ein paar Mal passiert war und er schrie: "Gebt meinen Kindern das Leben zurück, ihr Mörder, ihr unmenschlichen . . . . ihr seid nicht mal Tiere . . . ." Die Tochter rannte sofort aus dem Haus, mit einer Hand hielt sie ihren Vater fest, mit der anderen seinen Mund: "Vater, Vater, komm ins Haus . . . Da ist unser Haus!" Tante Sáu, seine Frau, kam auch sofort zu ihm. Mutter und Tochter versuchten den Mann ins Haus zu bringen aber er wirbelte so stark herum und wieder schrie er: "Ihr Mörder . . . . . ihr . . . . ." Als ich hinüber ging und Tante Sáu helfen wollte, war auch schon der Nachbar, der neben der Familie wohnte, hinzugekommen. Zusammen brachten wir Onkel Sáu wieder in sein Haus. Die Ehefrau weinte in tiefer Verzweiflung: "Es ist schon traurig genug, warum machst du noch mehr Probleme . . . . ." Die Tocher weinte auch mit ihrer Mutter. Der Onkel beruhigte sich langsam und kam wieder zu sich.
Ich ging wieder zurück. Vor unserem Haus standen bereits einige Nachbarn mit meinen Eltern und unterhielten sich mit Mitleid und traurigen Gesichtern: ". . . . .es ist schwierig, eine seelische Krankheit zu behandeln!" Der linke Nachbar: "Vielleicht sollte er ab und zu mal Beruhigungstabletten nehmen, das kann vielleicht ein wenig helfen." Die Nachbarin: "Woher soll man heutzutage noch Tabletten bekommen? Alle Apotheken wurden dicht gemacht, viele Ärzte sind auch schon verschwunden." Eine andere Nachbarin: "Mein Mann nimmt täglich eine Tablette, wir haben seit gestern in der ganzen Stadt danach gesucht aber nirgendwo welche bekommen!" Mein Vater: "Wir hoffen, dass die Familie nicht noch mehr Probleme bekommt." Der Nachbar: "Wenn er weiter so schreit, wird man ihn vielleicht einsperren, auch wenn er krank ist . . . .'Mörder' . . . ., man weiß schon, was die davon denken." . . . . . "Traurig!"

Das Ehepaar Sáu und deren jüngste Tochter flüchtete vor ein paar Jahren (1971) aus dem Kriegsgebiet in die Hauptstadt Saigon. Auf der Wiese gegenüber unseres Hauses am Ufer hatten sie ein Häuschen gebaut und lebten dort seitdem als unsere Nachbarn.
Tante Sáu hatte uns und den Nachbarn schon erzählt, dass bevor die Famillie in die Stadt Saigon kam, sie Bauern einer Obstplantage in einer ländlichen Gegend waren, in der Nähe von Mỹ Tho, wie viele andere Menschen auch, die dort gelebt hatten.
Das Ehepaar hatte zusammen fünf Kinder, drei Söhne und zwei Töchter. Mit der Obstplantage hatte die Familie ein gutes Leben und war zufrieden, trotz der Kriegssituation. Dann kam der Zeitpunkt, dass beide älteren Söhne sich zum Militärdienst melden sollten. Zuerst der Ältere, ein Jahr später der Jüngere.
Der Krieg verschlimmerte sich und das Kampfgebiet verbreiterte sich von Tag zu Tag. In kurzer Zeit erreichte der Krieg die Nähe der Gegend um die Obstplantagen.
Nach einem heftigen Kampf, der mehr als zehn Tage und Nächte dauerte, hatten die Allierten die Việt Cộng in die Enge gedrängt. Als die Việt Cộng mehr als zehn Tage und Nächte auf fast verlorenem Posten gekämpft hatten und immer wieder von der Armee der Allierten bis in die Nähe der Obstplantagen zurückgedrängt wurden, nahmen die Việt Cộng dann schnell die Obstplantagen ein, nahmen die Bauern und Bewohner der Gegend als Geiseln und die Obstplantagen als Schutzort.
Mit den Obstplantagen hatten die Việt Cộng den Vorteil auf ihrer Seite. Sie konnten die Methode des Partisanenkrieges führen, was sie am besten beherrschten. Sie griffen immer blitzschnell und überraschend in der Nacht die Armee der Alliierten an und zogen sich genauso blitzschnell wieder mit wenigen Verlusten zurück. Dagegen konnten die Alliierten nur verteidigen und es gab unter ihnen viele Tote und zahlreiche Verletzte.
Mit Verstärkung drängten die Alliierten in die Obstplantagen hinein. Ein heftiger Kampf führte dazu, dass nicht nur Soldaten von beiden Seiten, Alliierte und Việt Cộng, getötet, sondern auch zahlreiche Bauern und Bewohner der Obstplantagen zu Opfern wurden. Sie waren von den Việt Cộng als Schutzschild benutzt worden, dadurch waren auch die älteste Tochter und der jüngste Sohn des Ehepaares Sáu gestorben. Die Gegend und die Obstplantagen wurden auch durch Raketen von beiden Kriegsparteien total zerstört.
Die Bauern und die Bewohner der Kriegsgegend wurden fast alle seelisch traumatisiert. Der verletzte Onkel Sáu konnte das Schicksal nicht überstehen und wurde dauerhaft krank. Tante Sáu musste sich um den ganzen Unterhalt für die Familie mit Hilfe der noch lebenden jüngsten Tochter kümmern, indem sie verschiedene Arten von Süßigkeiten herstellten und auf dem Markt verkauften.
Nach zwei Jahren, im Jahr 1973, hatte sich die Familie von Tante Sáu langsam an das tägliche Leben in Saigon gewöhnt, trotzdem es nicht einfach war. Aber das Drama des Krieges hatten sie immer noch nicht aufgearbeitet. Es kam dann ein Schock für die Familie: Sie bekamen Nachricht von der Behörde, dass die Armeeeinheit des Sohnes, des ältesten, von hunderten Raketen der Angreifer komplett vernichtet wurde. Der Sohn war bei der Verteidigung seines Landes, der Republik Süd-Vietnam, gefallen. Das Ehepaar Sáu hatte nur noch die Hoffnung, dass der zweite Sohn von der Kriegsfront gesund zurückkommen würde.
Anfang des Jahres 1975 hatte der Agressor, das kommunistische Vietnam des Nordens, nach und nach auch Provinzen und Gegenden im Norden der Republik Süd-Vietnam eingenommen. Die noch überlebenden Soldaten und Zivilisten flüchteten in Richtung Süden.
Die Nachricht von überlebenden Soldaten, die von der Kriegsfront zu ihren Familien zurückkamen, weckte im Ehepaar Sáu die Hoffnung, dass auch sie ihren Sohn bald wiedersehen könnten.
Am 30.04.1975 hatten die Armee des kommunistischen Nord-Vietnam und die Việt Cộng fast zwanzig Jahre nach dem ersten Überfall, die Republik Süd-Vietnam besiegt. Sie marschierten mit russischen Panzern ein, in die Hauptstadt des Südens, Saigon, unter "freiwilligem Jubel" der Bevölkerung. Sie erklärten die Einigung Vietnams unter dem kommunistischen System. Zu diesem Zeitpunkt musste die Bevölkerung Süd-Vietnams glauben, dass die noch nicht zurückgekehrten Soldaten der Republik Süd-Vietnam, entweder nicht mehr am Leben oder in der Gefangenschaft der Kommunisten waren.
Das Ehepaar Sáu wollte nicht glauben, dass ihr Sohn gefallen war. Sie hatten die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er noch lebte. Trotzdem trauerten sie um den Sohn!
Erst hatten sie die ältere Tochter, den jüngsten Sohn und ihre Obstplantage verloren, dann den ältesten Sohn, dann den zweit-ältesten Sohn, der auch im Krieg gefallen war. Onkel Sáu hatte seinen Geist nicht mehr unter Kontrolle. Er war stark traumatisiert. Er lief oft mehrere Male am Tag, sogar in der Nacht auf die Straße und beschimpfte das neue Regime als Mörder, die für ihn am Tod seiner Kinder veranwortlich waren! Er war für die neue Regierung ein Dorn im Auge.

"Ihr seid Mörder . . . . . ihr habt meine Kinder umgebracht . . . ihr Mörder" "Ihr Mörder . . . . . Mörder . . . . 'Befreiung' . . . .wen befreit ihr? Ich brauche eure 'Befreiung' nicht. Wir alle hier im Süden brauchen eure 'Befreiung' nicht . . . . . Mörder." Oder "Die Mörder, die sollten da drüben bleiben, im Norden, hinter dem 17. Breitengrad . . . . . . . von mir aus sollen sie ihr idealistisches, kommunistisches Land aufbauen, aber uns im Süden in Ruhe lassen. Wir brauchen eure Befreiung nicht, ihr Kriegsverbrecher!"
Man kann solche wüsten Äußerungen von Leuten wie zum Beispiel Onkel Sáu sehr gut verstehen, weil deren Kinder, Ehemänner, Familien-Väter bei der Verteidigung von den Aggressoren des Nordens getötet wurden:
Weil im Jahr 1954 Vietnam durch die Genfer Konferenz am 17. Breitengrad geteilt wurde, bekamen die Kommunisten den nördlichen Teil des Landes und die Republik den Süden. Die Regierung und das Volk der Republik Süd-Vietnam planten, dass die Einigung von Nord-Vietnam und Süd-Vietnam nur mit Diplomatie und durch Volksentscheide in freien Wahlen des ganzen Landes (Nord und Süd) herbeigeführt werden sollte, wie in der Genfer Konferenz für das Jahr 1956 geplant worden war - und keinesfalls durch Maßnahmen wie Krieg, wie das kommunistische Vietnam das plante. Aber bei einer Volksentscheidung durch freie Wahlen hätten die Kommunisten verloren. Denn die meisten Vietnamesen wünschten sich nach der Einigung eine demokratische Republik Vietnam statt eines sozialistischen kommunistischen Vietnams.
Die Kommunisten verweigerten die freie Volksentscheidung und stattdessen hatte Hồ Chí Minh von Norden und seine Việt Cộng-Komplizen im Süden die Republik Süd-Vietnam sofort angegriffen und den Krieg durchgeführt mit großer Unterstützung der Sowjetunion. China unterstützte das kommunistische Vietnam nur bis 1972. Die Sowjetunion wollte ihr Imperium verbreitern. Die Republik Süd-Vietnam musste daraufhin ihr Land verteidigen. Als die Amerikaner in den Krieg in Süd-Vietnam einstiegen hat das kommunistische Vietnam die Situation ausgenutzt und propagiert, dass sie "Süd-Vietnam vom Aggressor USA 'befreien' wollten".

Ich machte mich auf den Weg, wohin ich vorher schon gehen wollte: Zu den zwei Lagerhäusern der Freunde, um zu sehen was bei denen passiert war. Raus aus der Terrassentür ging ich rechts in Richtung der Kreuzung von zwei Flüssen. Fast am Ende der Uferstraße bin ich, statt weiter unter der Brücke zu gehen, in einen kleinen Gehweg hinein gelaufen. Links vom Gehweg war der Hügel der Brückenrampe, rechts war die Mauer eines großen Lagerhauses, vor der entlang Bäume gepflanzt waren bis zur Kreuzung mit der anderen Uferstraße.
Fast am Ende des Gehweges hörte ich unerwartet eine Stimme von jemandem, gesprochen mit nord-vietnamesischem Akzent. Normalerweise waren an diesem ruhigen Ort nur Menschen beim Ein- und Auslagern von Waren für das Lagerhaus zu sehen. Ich war fast geschockt, stand hinter den Bäumen, um zu beobachten was an diesem Ort passieren würde. Ich sah eine Gruppe von elf Soldaten der Armee des Nordens. Sie standen auf dem Platz vor dem Eingangstor des Lagerhauses.
Eine alte, sehr alte große Filmkamera wurde von einem der Soldaten auf der Schulter getragen, also vermutlich war er ein Kameramann! Ein höher-rangiger Soldat, bestimmt der Regisseur, erklärte der Gruppe, was und wie sie zu arbeiten hätten und einer hatte auf seinem Notizblock alles notiert. Ein Soldat trug eine Flagge des kommunistischen Vietnam, er stand bei den sieben anderen Soldaten, die sich gerade umzogen. Sie zogen ihre Uniformen aus, ließen sie auf dem Boden liegen. Dann zogen sie andere Kleidung an. Ich war erstaunt! Was sie anzogen war zerrissen, schmutzig und sie sahen aus wie Bettler! Nein, noch schlimmer als Bettler! Die Bettler, die ich gesehen hatte sahen ganz normal aus. So etwas hatte ich in meinem Leben bis dahin noch nicht gesehen!
Es gab damals im Land auch Leute, die vor jedem Tempeleingang saßen und auf Spenden von Tempelbesuchern warteten. Man nannte sie Bettler! In Wirklichkeit ging es manchen dieser "Bettler" noch besser als den normalen Arbeitern. Die Tempelbesucher wollten viel für den Tempel und auch die "Bettler" spenden, um sich von ihren Sünden zu befreien und dafür zu sorgen, dass es ihnen im nächsten Leben besser gehen würde! Die "Bettler" hatten diesen Glauben bis heute ausgenutzt. In Wirklichkeit gab es auch damals echte Bettler, aber sehr wenige. Die konnten nicht mehr arbeiten gehen, weil sie schon sehr alt waren und sie wollten ihren Kindern nicht zur Last fallen, obwohl ihre Kinder dagegen waren, dass sie sich zum Betteln vor den Tempel setzten. Betteln war für die meisten Asiaten eine Schande! Trotzdem gab es manche Bettler, die einfach nur faul oder Betrüger waren.
Der Kamaramann stand an der einen Seite des Eingangstores zum Lagerhaus und richtete die Kamera auf die andere Seite. Nach einem Signal, rannte der Flaggenträger vor die Kamara, stand am Lagertor, winkte und schrie laut: "Kommt alle schnell hierhin, holt was ihr braucht, ihr seid befreit, nehmt soviel wie ihr braucht. . . . . . Schnell! Schnell!" Die sieben verkleideten Soldaten rannten dann im schnellen Tempo durch das Tor in das Lagerhaus hinein, dann wieder hinaus durch eine kleine abseitige normale Tür neben dem Tor hinter dem Kamaramann. Dann liefen sie sofort wieder vor der Kamera vorbei in das Lagerhaus hinein. Die verkleideten Soldaten rannten also im oben genannten Kreis bestimmt mehr als zwanzig Mal. Dann rannten sie in der umgekehrten Richtung. Also aus dem Tor des Lagerhauses heraus, jeder mit einem Reissack auf der Schulter vor dem Kameramann vorbei, dann rannten sie hinter dem Kameramann wieder durch die kleine Tür in das Lagerhaus und mit dem Reissack wieder vor der Kamera hinaus. Auch diese Runde haben sie mehr als zwanzig Mal gedreht. Während sie rannten riefen die verkleideten Soldaten dauernd: "Nieder mit Agressor Amerika und seiner Marionetten-Regierung, nieder mit dem Kapitalistmus, nieder mit der Ausbeutung, nieder, nieder! . . . . . . . . . Nieder! . . ."
Die Reissäcke, die die verkleideten Soldaten auf den Schultern trugen, waren, wie ich wusste, normalerweise für hundert Kilogramm Reis vorgesehen, aber sie schienen für die Soldaten sehr leicht zu sein. Ein normaler Warenträger müsste langsam gehen, Schritt für Schritt und vorsichtig sein, aber die Soldaten rannten mit dem Reissack auf der Schullter, als würde er nicht mal zehn Kilogramm wiegen. Eine billige Täuschung, eine Mogelpackung, dachte ich. Mir war dann auch schnell klar, das das bestimmt eine Inszenierung für eine Dokumentation oder einen Bericht über die "Befreiung" von Menschen aus der "Sklaverei unter dem Agressor USA und seiner Marionetten-Regierung, der Republik Süd-Vietnam" sein sollte. So behauptete es das kommunistische Vietnam immer in seiner Propaganda. Ich bekam plötzlich eine Gänsehaut und wollte sofort den Ort verlassen bevor man mich entdeckte. Ich drehte mich um, versuchte normal zu gehen, damit ich mich nicht verdächtig machte, aber meine Beine waren irgendwie verkrampft, ich konnte sie nicht so bewegen wie ich wollte. Ich musste vorsichtig sein und aufpassen, dass ich nicht an die Äste der Bäume stieß. Die Geräusche hätten die Soldaten auf mich aufmerksam gemacht.
Endlich hatte ich zwei Drittel des Weges vorsichtig gehend geschafft. Durch eine automatische Reaktion konnte ich plötzlich schnell weiter gehen bis zu der Uferstraße, in die ich vorher in den Weg hineingegangen war. Ich ging in die Richtung zu unserem Haus zurück, aber nur bis zur Hauptstraße des Ortes und bog dort links ab. An der nächsten Kreuzung ging ich wieder links zur anderen Uferstraße, wo unter anderem auch die Lagerhäuser der zwei Freunde an beiden Seiten des Flussufers lagen. Ich sah dann schon in einem fernen Abstand, dass vor einem der Lagerhäuser ein Konvoi von LKWs der Amee des Nordens stand. Dort wurden gerade Güter aus dem Lagerhaus in die LKWs umgeladen. Die wurden bestimmt in den Norden transportiert . . . . . . es ist besser, dort nicht hinzugehen, dachte ich. Von der Fußgängerbrücke aus, die zur anderen Seite der Uferstraße führte, sah ich, dass auch alle anderen Lagerhäuser von den Soldaten des Regimes überwacht wurden!
Was passierte mit den Freunden und deren Familien? Ich machte mir diese Gedanken, als ich auf dem Weg nach Hause war. Auf der Hauptstraße des Ortes, sah ich die Bewohner und deren Nachbarn vor ihren Haustüren diskutieren, darunter auch der Inhaber des Reinigungsgeschäftes, das schon einen Tag nach dem 30.04. dicht gemacht hatte, Herrn Vinh. Er hatte mir zugewunken, als er mich sah. Ich ging zu ihm. Herr Vinh zu mir: "Hast Du schön gehört? Alle, alle müssen umerzogen werden, nicht nur die Großen, sondern auch die normalen Soldaten und Beamten." Der Nachbar von ihm mit ganz leisem Ton: "Natürlich! Die Großen wurden schon fast alle abtransportiert. Wohin? Weiß man nicht! Wie und was machen sie mit ihnen? Was glauben sie?! . . . . . . . Alle müssen unter Kontrolle gebracht werden . . . . . . . Auch was man denkt, gerade jetzt in diesem Moment . . . . . Die trauen niemandem!" Der Nachbar war früher auch ein Soldat der Ex-Regierung, er machte sich wenig Sorgen um sich, sondern mehr um seine Frau und seine drei kleinen Kinder, wenn er die Familie wieder verlassen müsste. Normalerweise, als ich früher die Kleider abgeholt hatte, hatte ich mich ab und zu mit Herrn Vinh, seiner Frau und deren Tochter ein wenig unterhalten, aber in dem Moment wollte ich nur schnell nach Hause. Ich hatte ein unsicheres Gefühl und wollte mich auf das, was auf uns in den nächsten Tagen noch zukommen würde, in meinen Gedanken vorbereiten.

Über Nacht gab es keinen privaten Handel, keine selbständige private Wirtschaft mehr. Alles konnte ab sofort nur noch durch den Staat bezogen werden. Das Wichtigste zum Leben, die Lebensmittel, darüber entschied die Behörde, welche Familie wieviel Menge pro Monat bekommen sollte. Ein Heft musste beim Einkauf zur Kontrolle mitgeführt werden. Es gab wirklich nur Reis in schlechter Qualität und gerade genug nur für eine normale Mahlzeit. Anderes konnte man auf dem "normalen" oder schwarzen Markt bekommen, aber es war sündhaft teuer und unbezahlbar.
Die Bauern konnten eine Menge für den eigenen Bedarf behalten, der Rest musste in guter Qualität sein und an den Staat abgegeben werden. Diese Produkte guter Qualität wurden zum Teil für den Export verarbeitet, zum anderen Teil kam es den Mitgliedern der Partei und Funktionären der Behörden zugute.
Die Menge, die die Bauern behalten durften, konnten sie auf dem "normalen" Markt verkaufen, um mit dem Erlös andere Komsumgüter zu beschaffen, natürlich nur zum offiziellen Preis. Aber die Bauern brachten ihr Eigentum lieber auf den schwarzen Markt, oft ging die Ware durch die Hände vieler schwarzer Zwischenhändler, deswegen war sie dann bis zur Hand des Verbauchers sündhaft teuer und unbezahlbar. Das war dann ganz normal im alltäglichen Leben des Volkes, besonders in den Städten.

Mit halbleerem Magen gingen die Menschen zur Arbeit. Sie mussten nicht nur noch mehr schaffen als früher, sondern hatten auch noch längere Arbeitszeiten . Das Leben war für sie sehr viel schlechter als vor 1975. Vor 1975 hatten die ärmsten Menschen wenigstens ein Dach über dem Kopf, drei gute Mahlzeiten und fast jeden zweiten Tag Fleisch oder Fisch.
Die kommunistischen Parteimitglieder und Funktionäre hatten nun mehr als genug zum Leben. Sie brachten sogar ihren Anteil an Fleisch und Gemüse und andere Konsumartikel, die für sie überflüssig waren, auf den schwarzen Markt, natürlich anonym. Durch die sogenannten "Ba Mươi Tháng Tư /30.April" brachten die Funktionäre die Waren über schwarze Zwischenhändler auf den Schwarzmarkt unter das Volk.

Die "30.4." waren Leute, die noch vor dem 30.4.1975 normale Bürger wie andere auch waren. An ihren eigenen Vorteil denkend, drehten sie sich nach dem 30.4.1975 plötzlich wie das Fähnchen im Wind und sie stellten sie sich selbst den Funktionären der kommunistischen Partei und den Behörden zur Verfügung. Bei vielen von ihnen sah man, dass sie vor den Funktionären nur eine gebeugte Haltung einnahmen und von ihnen hörte man auch nur: "Ja! Ja! Ja!" oder "Ja! Ich höre!" oder "Ja! Ja! Sofort!" wenn sie den Funktionär trafen. Gegenüber dem normalen Volk waren die "30.4." überheblich, arrogant und sprachen oft mit einem abfälligen Ton. Man nannte diese Leute: "Schnüffelnde Hunde des Funktionärs". Aber . . . . . . den "30.4." ging es gut und sie hatten mehr zum Leben.
Man sollte den "30.4." gegenüber auch "Achtung" haben, denn sie hatten auch Macht, eine unsichtbare Macht. Sie führten die Leute zu allen möglichen und unnotwendigen , sogenannten öffenlichen sozialen Arbeiten an den freien Tagen und konnten jederzeit ihre "Beobachtungen" über jeden Teilnehmer an die Behörden oder Arbeitseinheiten weitertratschen. Dadurch wurden auch schon Personen aus privater Rache von den Behörden oder der Polizei "zum Interview eingeladen". Es kam auch dazu, dass diese Personen durch "Hilfe" der Behörden an der "Umerziehung" teilnehmen "durften".

Es gab auch einen großen Geldwechsel. Gleichgültig wieviele Personen in der Familie waren, jede Familie konnte nur eine gleiche Summe von Geld gegen die neue Währung wechseln. Der Rest des Geldes des alten Regierungssystems war dann sofort wertlos. "Innerhalb des Volkes sind alle Familien gleich reich im Sinne der Gleichberechtigung."
Nach und nach mussten wir, wie viele andere Familien auch, die vor dem 30.4.1975 Ersparnisse in Gold, Schmuck oder US-Dollar hatten, diese aus den Verstecken holen und auf dem schwarzen Markt verkaufen um zu überleben.
Man musste eine Kontaktperson kennen, die Kontakt mit einem "30.4." hatte. Dieser Person gaben wir die Wertsachen und der sollte diese dem "30.4." übergeben und "jemandem" anbieten, das konnten nur Parteimitglieder und Behördenangehörige der neuen Regierung sein. Es dauerte normalerweise ein paar Tage, dann brachte die Kontaktperson uns die erzielte Geldsumme. Der Verkaufspreis war nicht mal 10% des Originalpreises von vor dem 30.4.1975.
Bei diesen schwarzen Geschäften hat man den ausführenden "30.4." nie zu Gesicht bekommen, er war immer anonym. Die Käufer auch, das waren natürlich die Funktionäre, die durch den Schwarzmarkt reich geworden waren und jetzt häuften sie noch mehr Gold, Schmuck und US-Dollar für sich an. Diese Wertsachen hatten sie zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen. Es konnte passieren, dass die Kontaktperson nie mehr auftauchte oder dann abstritt Wertsachen erhalten zu haben.
Die Menschen, die vor dem 30.4.1975 kein Gold, Schmuck oder US-Dollar beiseite geschafft hatten, hatten nichts mehr zum Leben. Durch Unterernährung, Dauerstress, Anspannung und sogar Angst gab es Leute, die sich selbst das Leben genommen hatten.

Nachdem die Kommunisten die Republik Süd-Vietnam besiegt hatten, hatte sich für die sogenannten "Ba Mươi Tháng Tư /30.April", ein Herrscher gefunden, dem sie gerne dienten. Die "Ba Mươi Tháng Tư /30.April" fühlten sich wie ein Drachen im Aufwind. Die meisten anderen Menschen wurden vom neuen Regime in eine elende Lage gebracht.
In der schlimmsten und grausamsten Lage waren die ehemaligen Regierungsmitglieder, höhere Beamte, höchste und mittelrangige Armee-Offiziere, Soldaten der Sondereinheiten, Intellektuelle, Personen der Gemeinschaft die gegen das kommunistische System waren, Personen der ehemaligen Republik Süd-Vietnam mit wichtiger Funktion, sowie die großen Wirtschaftsbetreiber und Reichtumsbesitzer. Auch Mönche , Priester und Nonnen, die sich vor dem 30.4.1975 geweigert hatten mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten oder die sich am 30.4.1975 in Tempeln und christlichen Kirchen weigerten Portraits von Ho Chi Minh auf den Hauptaltar vor den Heiligen hinzustellen. Alle oben genannten Menschen sind aus unerfindlichen Gründen noch in Vietnam geblieben oder hatten die Möglichkeit zur Flucht ins Ausland verpasst. Diese Leute, darunter waren auch Frauen, mussten sofort entweder in die so genannten "Umerziehungslager" im Norden Vietnams (für die Menschen aus dem Süden war das sehr ungewöhnliche Klima schwer zu ertragen) oder weit weg von ihrem Wohnort , an einen Ort . . . . , ein Gefängnis. Die Verwandten wussten nicht, wo sie waren. Den Verwandten dieser Menschen wurde sowieso all ihr Privatbesitz beschlagnahmt und sie wurden in die "Vùng Kinh Tế Mới /Neue Wirtschaftsgebiete" abgeschoben und danach meist nie wieder gesehen.
Aus den Umerziehungslagern war fast keiner zurückgekehrt. Heute kann man im Internet erfahren, von einem kleinen Teil, der nach Jahrzehnten freigelassen wurde. Sie berichten, dass das in Wirklichkeit Gefängnisse mit brutalen Foltermethoden waren und sie nichts mit Umerziehung zu tun hatten. Der große Teil wurde bis zum Tod gefoltert, darunter auch viele Frauen, Mönche, christliche Priester und Nonnen. Die die Folter überlebten ließ man nach der Folter verhungern oder wenn derjenige schwer krank war, ließ man ihn einfach im Wald oder im Fluß liegen.
Man hat erforscht, dass die Foltermethoden der Kommunisten Vietnams aus der Sowjetunion in der Zeit von Stalin stammten. Der kleine Teil der Personen, die nach Jahrzehnten entlassen wurden, kam zurück an ihren alten Wohnort. Meistens konnten sie ihre Verwandten dort nicht mehr finden, auch nicht in den "neuen Wirtschaftszonen". Sie litten ihr Leben lang an den Gesundheitsschäden durch die Folter und waren psychisch traumatisiert.

Die Bevölkerung musste ihr Eigentum auflisten, besonders die Reichen. Es wurde gesagt, dass das nur für die statistische Nutzung erhoben würde, ihr Vermögen würden die Leute dann weiter privat besitzen dürfen.
Mein Vater hatte aber aufgrund von fehlendem Vertrauen in das neue Regime und den Geschehnissen im kommunistischen Nord-Vietnam nach der französischen Kolonialzeit, unsere Speditionsschiffe "freiwillig" der neuen Regierung übergeben, damit die Familie einem schlimmen Schicksal entkommen könnte. Als er das getan hatte und nach Hause kam, sah ich meinen Vater die Tränen unterdrücken und er sagte: "Es liegt eine sehr harte Zeit zum Leben vor uns!" Das Haus, in dem wir schon lange wohnten, haben wir vielleicht auch deswegen noch weiter bewohnen dürfen.
Einige Zeit später sind die Leute, die ihr Eigentum immer noch für sich beanspruchten ,über Nacht spurlos verschwunden oder wurden in das sogenannte "Vùng Kinh Tế Mới /Neues Wirtschaftsgebiet" mit leeren Händen abgeschoben.
Monate später war es einigen gelungen aus dem "Vùng Kinh Tế Mới /Neues Wirtschaftsgebiet" nach Saigon zurückzuflüchten. Sie mussten sich tagsüber verstecken und nachts als Bettler leben. Sie erzählten, dass man in dem Gebiet schwierig überleben und nur auf den Tod warten konnte. Mit bloßen Händen hatten die Abgeschobenen dort überall im Boden gegraben, aber es gab fast kein Trinkwasser in den sogenannten "Vùng Kinh Tế Mới /Neues Wirtschaftsgebiet" sondern fast nur salziges Wasser. Viele Leute, die vorher fast keine Erfahrung mit schwerer körperlicher Arbeit hatten, bei denen ging es schnell, sie wurden zu schwach und starben schon innerhalb von ein paar Wochen.

Jahre später wurde auch unser Haus doch noch vom Regime beschlagnahmt. Aus welchen Gründen wissen wir nicht, man hatte es uns nicht erklärt. Ein Haus voller schöner Erinnerungen von mir und meinen Geschwistern in der Jugendzeit. Ein Haus mit dem glühendroten "纸花 (zhi hua)/Hoa Giấy / Papierblumenbaum" auf der Eingangsterrasse.
Später, als ich in Deutschland lebte, jedesmal wenn ich auf Reisen war, irgendwo, immer wenn ich so einen Baum sehe, erinnere ich mich immer wieder an unser Haus, . . . . . . . . . damals . . . . . . eine schöne Zeit . . . . . . . und habe dann ein trauriges Gefühl.

Natürlich mussten sich auch alle Unteroffiziere, kleine Beamten, Verwaltungsarbeiter, normale Soldaten der ehemaligen Republik Süd-Vietnam, die noch in Vietnam geblieben waren, auf Befehl der neuen Regierung nach dem 30.04.1975 bei den Behörden melden und dann umerzogen werden.

Meine drei Brüder und ich waren Unteroffiziere und Soldaten und mussten natürlich auch umerzogen werden. Meine Schwester, die Medizin studierte hatte, und mein jüngerer Bruder, der Schüler war, wurden als "kleine Kapitalisten" eingestuft und mussten sich den Beamten anschließen und unter ihrer Anweisung "arbeiten" , um den "Wert" von Arbeit anzuerkennen. Natürlich ohne Lohn. Die Leute "sollten froh sein", dass sie nicht in einem Straflager sitzen, wie manch andere, bei denen die Behörden geurteilt hatten, dass sie Ihre Arbeit nicht mit voller Arbeitskraft geleistet hätten.
Mein Vater sollte auch für die Flussspeditionsfirma der Stadt Hồ Chí Minh arbeiten, aber mein Vater war "geistig nicht mehr normal" und damit untauglich. Nach der Umerziehung mussten meine Brüder und ich auch den "Wert der Arbeit" anerkennen. Ich musste die Position meines Vaters annehmen, um meinen Vater zu ersetzen, im Büro als zweiter Abteilungschef des Handelsverkehrs! In Wirklichkeit wollten sie, dass man denen zeigt, wie alles organisiert war und zugleich wollten sie die Leute nach der Umerziehung beobachten. Genauso, wie andere Menschen in unserer Situation, die in Firmen, Konzernen und Fabriken arbeiteten, unter der Kontrolle und Beobachtung der vietnamesischen, kommunistischen Partei und deren Regierung.
Wir standen unter ständiger Beobachtung und Gedankenkontrolle. Es war eine Zeit, in der ich alle Gefühle und Gedanken nach innen kehren musste. Jedes Wort, jede Bewegung musste ich selber streng kontrollieren. Dann wurde ich parallel auch als Zeichner von Propaganda-Plakaten "gefördert". Man versuchte meine inneren Gedanken zu lesen, indem ich für die Propaganda-Wandzeitung mitarbeiten musste. Als Tageshonorar erhielten wir als Arbeitsanerkennung mit voller Absicht noch nicht einmal den "Wert" eines Frühstückes in einem staatlichen Restaurant, um herauszufinden, ob wir noch andere finanzielle Reserven von früher hätten.

Im Jahr 1978, drei Jahre nachdem das kommunistische Regime ganz Vietnam regierte, hatten meine älteren Brüder sich mental immer noch nicht an die neue Lebenssituation anpassen können. Inbesondere mein ältester Bruder, er machte meinen Eltern viele Sorgen, weil er seine Meinung äußerte und sich nicht unter Kontrolle bringen konnte und diese Meinung sogar in seiner Arbeitstelle geäußert hatte. Man merkte, dass er nicht nur bei der Arbeit überwacht wurde, sondern auch nach seiner Arbeitszeit.
Normalerweise sollten Leute wie wir, Reue zeigen für das, was und wie wir vor dem 30.4.1975 getan und gelebt hatten. Und in der Zeit des neuen Regimes sollten wir diesem gegenüber nach Möglichkeit gehorsam sein und Wiedergutmachung leisten.
Wir fürchteten, dass man irgendwann meine ältesten Brüder verhaften würde. Schlimm war, dass das die ganze Familie mit hineinziehen würde und die Familie womöglich in das "Vùng Kinh Tế Mới /Neues Wirtschaftsgebiet" abgeschoben werden könnte. Es gab nur eine Möglichkeit: Dass die älteren Brüder weggingen aus Vietnam, um ein schlimmes Schicksal für sie und die Familie zu vermeiden.

Eine geheime Fluchtorganisation hatte über einen Vertrauten Kontakt zu meinem Vater aufgenommen. Er half mit seinem technischen Wissen dabei, ein altes Boot an einem geheimen Ort zu reparieren und aufzubauen. Von diesem wussten aber aus Sicherheitsgründen zuerst nur mein Vater und dann meine Mutter. Ein paar Monate später sollten meine beiden älteren Brüder, meine zwei jüngeren Brüder (einer davon Schiffsmechaniker) und ich an den geheimen Ort gehen und dort auf den richtigen Zeitpunkt warten, um dann abzufahren. Ich wollte nicht mitgehen, weil ich meine Eltern und die anderen Geschwister nicht in dieser Situation allein lassen konnte. Mein Platz wurde also an meine Schwägerin und meinen Neffen übergeben. Nur mein Vater hat die Familienmitglieder zu dem geheimen Ort begleitet, um dann alleine wieder nach Hause zurückzukehren.
Ein paar Tage später, als ich von der Arbeitseinheit zurückkehrte, erfuhr ich von meiner Mutter, dass mein Vater zu dem geheimen Ort gegangen war, um die Familienmitglieder endgültig zu verabschieden, bevor das Boot losfuhr. Als es ganz dunkel war, kam mein Vater dann in trauriger Stimmung nach Hause zurück. Als mein Vater meine Mutter und mich wiedersah, hat er nur ganz kurz zu uns gesagt: "Sie sind weg!"
Jahre später hat mein älterer Bruder mir erzählt, dass es beim Abschied sehr still war und mein Vater, meine Brüder und die anderen Familienmitglieder kein Wort gesprochen haben. Als das Boot losfuhr, sah er trotz der Dunkelheit, dass meinem Vater am Ufer die Tränen herunterliefen und alle waren sehr traurig.

Ich glaube heute immer noch, dass ich richtig entschieden habe, zu dem Zeitpunkt nicht mit meinen Brüdern zusammen zu flüchten. Auch wenn mir die Flucht gelungen wäre, wäre ich unglücklich geworden, weil ich mir dann immer Sorgen um die zurückgebliebene Familie gemacht hätte.

Mein Vater verfolgte danach täglich die Nachrichten im Radio von morgens früh bis spät in die Nacht. Die Nachrichten von Menschen, die bei der Fluchtorganisation entdeckt und verhaftet wurden, machten uns sehr traurig. Genauso wie die Nachrichten von den Menschen, die auf dem Landweg Vietnam verlassen wollten und scheiterten. Insbesondere machten wir uns viel Sorgen, wenn es Nachrichten von Fluchtversuchen mit dem Boot auf dem Seeweg gab, die vom Regime entdeckt wurden und die Menschen auch wie die anderen im Gefängnis landeten.
Wir wussten nicht, ob meine Brüder, die Schwägerin und der Neffe zu der Zeit im Gefängnis saßen oder ob das Boot schon über die Seegrenze von Vietnam gefahren war! Wir waren angespannt und machten uns große Sorgen.
Die Polizei, die sogenannte "Công An /Öffenliche friedliche Ordnung" des neuen Regimes des Ortes kam uns regelmäßig "besuchen", und der "betreuende Polizist" sowieso. Sie wollten sich von meiner Mutter informieren lassen, welche Neuigkeiten es unter den Leuten gab, denn meine Mutter war - unfreiwillig natürlich - einer von vielen Gruppenvorständen. Wenn sie irgendwann die unangemeldete Abwesenheit der Familienmitglieder entdecken würden, dann wäre die ganze Familie in einer gefährlichen Notlage. Das bedeutet, dass meine Eltern im Gefängnis landen könnten oder die ganze Familie in das "Neue Wirtschaftsgebiet" abgeschoben werden könnte. Denn seitdem das neue Regime die Macht übernommen hatte, musste jeder sich beim Verlassen und bei der Rückkehr zu seinem Wohnort bei der Behörde melden. Ebenso musste man sich bei Ankunft und Verlassen des Zielortes bei der dortigen Behörde melden.
Zwei meiner Brüder, die mitgeflohen waren, waren normalerweise mit ihrer Arbeitseinheit auf den Schiffen in der südlichen Provinz stationiert. Dadurch konnten wir nun erzählen, dass die Schiffe sich zur Zeit nicht in Hồ Chí Minh Stadt (Saigon) befinden würden. Aber mein ältester Bruder, die Schwägerin, der Neffe und mein jüngster Bruder, die waren normalerweise ständig täglich zu sehen, beim morgendlichen Gang zur Arbeit bzw. Schule und besonders abends im Kreis der Familie. . . . . . . . . . . .wie sollten wir das erklären!? Meine Eltern und ich wussten nicht, was und wie wir etwas unternehmen sollten.

Die Nachbarin neben uns - Frau des Polizisten der Ex-Regierung - kam nach dem 30.04.1975 wie immer ab und zu zu uns, inbesondere nachdem ihr Mann von der "Umerziehungsmaßnahme" des neuen Regimes zurückkam. Danach kam sie noch öfter. Wir Kinder riefen sie nun "Tante Năm", weil ihr Mann Năm hieß. Sie schien uns zu vertrauen, vielleicht weil die anderen Leute, die ihre Familie kannten, fast alle den Kontakt mit der Familie abgebrochen hatten. Vielleicht war auch ein Grund, weil Herr Năm ein Ex-Polizist der alten Regierung war und die Leute nun Angst hatten, dass man vielleicht wegen des Kontaktes ein Problem bekommen könnte.
Tante Năm erzählte, klagte über das Schicksal ihrer Familie: Ihr Mann wurde von den Behörden nach und nach zu Arbeitslagereinheiten geschickt, wo es nur schwere körperliche Arbeiten zu erledigen gab. Wie viele Ex-Kollegen musste Herr Năm mehr als sechzehn Stunden am Tag arbeiten und bekam dafür nur ein kleines mageres Mittagessen - sonst nichts - obwohl diese Polizisten von der Ex-Regierung nur für die Verkehrsordnung, das Ausstellen von Strafzetteln und das Kassieren zuständig waren. Auf der einen Seite war er froh, weil es gab viele andere Polizisten, die genau wie er überhaupt nicht mit den Kommunisten in Berührung gekommen waren, trotzdem wurden sie zusammen mit den Hauptfeinden des kommunistischen Regimes schon am ersten Tag, dem 30.4.1975, sofort verhaftet, zum Umerziehungslager irgendwohin transportiert und man hörte nichts mehr von ihnen. Denn Polizisten waren vor dem 30.4.1975 in der ehemaligen Republik Süd-Vietnam die Hauptfeinde der kommunistischen Spione.
Die vier Kinder der Famillie Năm hatten, wie andere "aussortierte" Kinder, keinen Platz in der Schule. Diese Kinder kämpften auf den Straßen um das tägliche Überleben. Tante Năm: "Meine Kinder brauchen keine Schule mehr. Es reicht, wenn ich und mein Mann den Kindern lesen und schreiben beibringen . . . . . . . Bei der Umerziehung hatte mein Mann schon genug von deren Erziehungsmethoden durchgemacht . . . . . . . . . nicht auch noch mit unseren Kindern . . . . ." Auf der andere Seite: Wenn Eltern ihre Kinder ohne Grund nicht zur Schule schickten, dann wurden sie als Gegner des neuen Regimes betrachtet.
Tante Năms älteste Tochter war gerade fünfzehn, der ältere Sohn dreizehn Jahre alt. Wie manche anderen Kinder in ihrem Alter, halfen die beiden bei den alten Bauern aus, die meist schon über siebzig Jahre alt waren und deren Söhne sich für die Verteidigung der Republik Süd-Vietnam geopfert hatten und deren Töchter schon aus dem Haus geheiratet waren. Die beiden Kinder halfen bei schweren Arbeiten bei der Ernte und auf dem Markt. Sie bekamen ein paar Stücke Kleingeld und aussortiertes Gemüse als Tageslohn. Mehr konnten sich die Bauern nicht leisten, denn sie mussten den Großteil der Ernte an den Staat abführen und konnten für sich nur ein wenig einbehalten. Damit verstießen diese Bauern natürlich gegen das System des neuen Regimes, weil sie als privates Unternehmen betrachtet wurden. Die Helfer machten sich dadurch natürlich auch mit schuldig. Aber mit den Helfern konnten die Bauern die "30.4." mit ein wenig Geld bestechen, damit war dann "alles in Ordnung", wenn die Summe den "30.4." zufriedenstellte!

Am großen Schiffshafen von Saigon herrschte seit Anfang Mai 1975 wieder Hochbetrieb. Die Schiffe warteten jeden Tag in einer kilometerlangen Warteschlange und ankerten in drei Reihen nebeneinander, um Güter einzuladen und nach Norden hinter den 17. Breitengrad zu transportieren. Güter wie neue oder gebrauchte Autos, Motorräder, Fahrräder, Tonbandgeräte von z.B. Aikai, Radios, Schallplattenspieler, Möbel, Kinderspielzeug und unzählige andere Güter. Die LKWs und Autos mit den Gütern, die nach Norden per Schiff transportiert werden sollten, standen auf den Zufahrtsstraßen zum großen Schiffshafen ständig im Stau.
Vor allen Lagerhäusern der Stadt waren auch ständig Konvois mit LKWs der "Befreiungs-Armee" oder Gütertransportschiffe am Fluß zu sehen. Die begehrten Güter der ehemaligen Republik Süd-Vietnam, vom Spiritus-Kochherd, über Porzellanwaren, bis hin zu Essstäbchen und . . .und . . . und . . . . Lebensmitteln aus den Lagerhäusern, inbesondere die importierten aus den kapitalistischen Ländern, wurden nach und nach geplündert. Fast alles wurde von der "Befreiungs-Armee" auch nach Norden, hinter den 17. Breitengrad transportiert, inklusive täglich frischem Gemüse und Fleisch, um den Hunger der elenden Leute dort zu stillen. Das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist, was die Menschen gesehen haben, das was das kommunistische Vietnam nach der sogenannten "Befreiung" der ehemaligen Republik Süd-Vietnam angetan hatte, niemand kann das mehr verleugnen. Das Gegenteil von dem, was das kommunistische Vietnam damals immer propagierte: Es behauptete, dass die Bevölkerung unter ihrem System satt, gesund und glücklich war.

Auf dem Weg vom Lagerhaus zum Armee-LKW oder zum Gütertransportschiff benutzten die Reisträger einen Haken, um den hundert Kilogramm schweren Reissack auf der Schulter festhalten zu können. Dadurch fielen aus dem Hakenloch des Sackes immer ein paar Reiskörner auf den Boden. Die junge elfjährige Tochter und der junge neunjährige Sohn von Tante Năm sammelten mit anderen Kindern täglich Reiskörner von der Straße vor den Lagerhäusern. Diese Kinder hatten alle dasselbe Schicksal, sie durften nicht zur Schule gehen, weil deren Eltern Arbeiter in der Verwaltung der Ex-Republik Süd-Vietnam waren, oder als Soldaten und Polizisten gedient hatten, obwohl sie in ihrer Tätigkeit nur niedrige Ränge eingenommen hatten. Die Kinder der Offiziere und höheren Beamten der Ex-Republik Süd-Vietnam, sowie von Regierungsmitgliedern wurden natürlich schon nach dem 30.4.1975 in eines der neuen "Wirtschaftsgebiete" mit einem Elternteil abgeschoben, weil das andere Elternteil im "Umerziehungslager" verbannt war oder sie wurden mit ihren Familien zusammen in ein Gefängnis gesteckt.
Meine jüngste Schwester und mein jüngster Bruder "durften" die Schule besuchen, weil meine Eltern zu der Ex-Regierung keine besondere Verbindung hatten. Der Schulbesuch war für die beiden sogar ein Muss, sonst wurden sie als Konterrevolutionäre betrachtet.
Die Kinder, die keinen Platz in der Schule hatten sammelten täglich Reiskörner von der Straße vor den Lagerhäusern, bevor die Soldaten der sogenannten "Befreiungs-Armee" sie zusammenkehren konnten. Die Kinder wurden oft von den Soldaten und den Polizisten weggejagt und als Diebe beschimpft. Obwohl die Reiskörner auf der Straße lagen, gehörten sie auch seit dem 30.04.1975 als Kriegsbeute dem neuen Regime aus dem Norden.

Heutzutage - 2018 - kann man auch schon im Internet von den ehemaligen Soldaten der kommunistischen "Befreiungsarmee" und auch den so genannten "Anh lính cụ Hồ / der Soldat von Opa Hồ" die Wahrheit erfahren: Nämlich, dass die kommunistische Partei Vietnams damals Jugendliche schon ab 12 Jahren für Opa Hồ in den Kriegsdienst gestellt hat, um die Republik Südvietnam anzugreifen und damit ihre Macht auf ganz Vietnam und Südostasien zu verbreiten und zu sichern. "Befreiung" war für den Süden nicht notwendig, meinen die Zeitzeugen aus Nord-Vietnam, sondern der Süden befreite den Norden von der Armut, als Nord-Vietnam den Krieg gewann.
Am 30.04.1975 marschierten die "Soldaten des Opa Hồ" mit Begeisterung in die Republik Süd-Vietnam und ohne Widerstand ein, weil die amerikanischen Armeeeinheiten und die westlichen Verbündeten sich gemäß des Pariser Abkommens aus dem Jahr 1973 in ihr Land zurückgezogen hatten. Seitdem bekam die Republik Süd-Vietnam von den Amerikanern keine Unterstützung mehr, auch nicht in Form von Waffen und Munition. Die Zeitzeugen fanden heraus, dass ihre kommunistische Partei und deren Regime sie schon von Anfang an belogen und betrogen hatte und dadurch alle Jungen, Mädchen, Männer und Frauen umsonst ihre Lebens- oder Jugendzeit nur für die Macht und Gier des vietnamesischen, kommunistischen Regime geopfert hatten. Eine Einigung des Landes hätte man auch auf diplomatischen Weg aushandeln können, meinen die Zeitzeugen. In Süd-Vietnam hatte nämlich in der Zeit schon fast die ganze Bevölkerung Wohlstand und meist auch ein glückliches Leben erreicht, trotz des Krieges. Überall, insbesondere in allen großen Städten und der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon, gab es Geschäfte, Einkaufszentren, Läden überfüllt mit allen möglichen Waren des täglichen Gebrauchs und Luxusartikeln. In den Märkten stapelte sich das Gemüse und Obst zu Hügeln, auch Fleischhändler waren dort überall zu sehen. In fast jeder Straße gab es zahlreiche große und kleine Restaurants, Cafés, Bühnenhäuser und Kinos. Überall waren Autos, Motorräder und natürlich auch Fahrräder zu sehen.
Im kommunistischen Nord-Vietnam dagegen bekam jede Familie laut den Zeitzeugen noch im Jahr 1975 z.B. pro Jahr drei Meter groben Stoff, musste darauf oft monatelang warten und mehr als fünf Stunden lang vor dem Laden anstehen. Kaffee und Zigaretten bekamen sie nur durch gute Beziehungen und wenn sie großes Glück hatten. Wenn, dann höchstens 300 Gramm Kaffee und 200 Gramm Tabak, im Jahr natürlich! Diese Artikel zu genießen war im kommunistischen Nord-Vietnam ein großer Luxus. Als Kaffeefilter benutzten sie eine alte leere Blechdose mit Löchern und eingelegtem Stoffrest und filterten den Kaffee und tranken davon, bis er keine Farbe mehr abgab. Als sie nach dem "Befreiungssieg" einen Kaffeefilter aus der Republik Süd-Vietnam in den Händen hielten, liefen ihnen die Glückstränen die Wangen herunter. Alte Blechdosen wurden für gewöhnlich in Nord-Vietnam auch als Trinkgefäße benutzt. Es war auch ein Glück, wenn man ein Fahrrad besaß, ein altes natürlich! Auto und Chauffeur bekamen nur höhere Funktionäre und höhere Behördenmitglieder zur Verfügung gestellt.
Es klingt unglaublich aber wahr und man kann es nicht verleugnen, erzählte auch ein ehemaliger "Soldat des Opa Hồ" im Internet: Es gab in Nord-Vietnam nur einen einzigen Radiosender in Hà Nội, einen staatlichen. Das Programm wurde in ganz Nord-Vietnam gesendet und war nur durch Straßenlautsprecher zu hören. Niemand besaß ein Radio, außer er war ein höherer Funktionär oder ein höheres Parteimitglied. Es gab nur staatliche "Literatur" und Zeitungen zu lesen, die vom kommunistischen Vietnam mit deren Ideologie und Propaganda gesteuert wurden. Nach dem 30.04.1975 gab es mutige und neugierige "Soldaten des Opa Hồ", die heimlich ein paar Bücher aus der Republik Süd-Vietnam in ihre Armee-Rucksäcke gesteckt hatten, anstatt sie zu den Verbrennungsstellen zu bringen. Zurück im Norden, so erzählten sie, wurden diese Bücher heimlich gelesen und sie haben herausgefunden, dass die Literatur des Südens sehr vielseitig war und es dort eine Meinungsfreiheit gab.
Mit dem Kinderspielzeug und dem Goldschmuck den die "Soldaten des Opa Hồ" in Saigon am 30.04.1975 "gefunden" hatten, versetzten sie den ganzen Heimatort im Norden wo sie lebten in Erstaunen und Selbstmitleid zugleich. Jeden Tag bekamen sie dutzende Besuche von Menschen, die das Spielzeug und den Schmuck mit eigenen Augen sehen wollten, denn den Erzählungen hatten sie nicht geglaubt. Bei dem Spielzeug, wie ich es schon Mitte der 1960er Jahre für meine jüngeren Geschwister gekauft hatte, handelte es sich z.B. um eine Puppe, die die Augen zumachte, wenn man sie hinlegte, und die weinte, wenn man sie auf den Bauch drückte. Einen Bären mit Kunstfellhaut, der mit vier beweglichen Beinen wie echt laufen konnte. Einen Hubschrauber, der in der Luft flog usw. Und dann auch noch das Gold, dass die Leute des Nordens noch nicht in ihrem Leben gesehen hatten. Als sie es zu Gesicht bekamen, waren sie erstaunt vor Glück: "Gold . . . . Gold . . . . ist das Gold?". "Wieviel kostet so was? . . . . . gibt es wirklich Goldgeschäfte im Süden, wo man Gold kaufen kann? . . . . . ." "Wozu trägt man Gold . . . . kann Gold Krankheiten heilen?" " Gold . . . Gold . . . ich habe endlich Gold gesehen" . . . . . . usw.
Ein "Soldat des Opa Hồ" erzählte, dass er, als er von Süd-Vietnam zurück in den Norden nach Hause kam, diese Nachricht sich sofort verbreitete und eine Menge Leute zu Besuch kamen, um zu sehen was er mitgebracht hatte. Ein höherer Funktionär der kommunistischen Partei des Ortes war auch mit in der Menge der Leute, wurde aber von den abgelenkten Leuten nicht mehr beachtet. Der Funktionär war sehr wütend und erklärte, das das alles Lügen und falsche Behauptungen wären, weil es im "Regime der Sklaverei" kein Gold unter der Bevölkerung gab und das Kinderspielzeug, die Tonbänder, usw. seien nur billige Tricks wie zu mittelalterlichen Zeiten.
Seit 1975 feiert das kommunistische Vietnam den 30. April als Tag des "đại thắng mùa xuân / großen Siegs des Frühlings" und auch der nationalen Unabhängigkeit. Zu der Gelegenheit hatte man einige junge Generationen, die im ehemaligen Nord-Vietnam geboren und aufgewachsen waren interviewt. Diese Interviews kann man im Internet sehen. Eine Frage war, was diese Generation über die ehemalige Republik Süd-Vietnam wusste. Die Anwort lautete: "Schon als wir noch Kinder waren, hatten die Lehrer und Lehrerinnen in der Schule uns erzählt, dass unser Volk in Süd-Vietnam unter dem Regime der Sklaverei des Aggressors Amerika und deren vietnamesischen 'Chính Quyền Ngụy / Marionettenregierung' lebte. Sie saugen das Blut und fressen das Fleisch unseres Volkes, inbesondere das von unseren Kindern, weil Kinderfleisch für sie sehr zart ist. Wir müssen unser Volk so schnell wie möglich befreien, wenn wir groß sind. Heute können wir durch das Internet erfahren, dass die ehemalige Republik Süd-Vietnam ein sehr demokratisches Land mit freien Meinungen, ein Land mit vielseitiger Kultur war. Man sieht, dass schon damals die Republik Süd-Vietnam ein zivilisiertes Land im Wohlstand war . . . . . . . . . und wenn wir, der Norden, die ehemalige Republik Süd-Vietnam nicht angegriffen, den Krieg nicht gewonnen hätten, bzw. die Kriegsbeute wie z.B. 16 Tonnen Goldbarren von der Republik Süd-Vietnam nicht bekommen hätten, dann lebten wir heute noch in Elend und Armut . . . . . . ."
Schon zu früheren Zeiten und auch heute exportiert das kommunistische Vietnam Arbeitskräfte ins Ausland. Die Leute, die im ehemaligen kommunistischen Nord-Vietnam gelebt hatten, erzählten, dass wenn sie damals durch Beziehung und Bestechung als Arbeitskraft in die damalige Deutsche Demokratische Republik (DDR) exportiert wurden, sie auch sehr glücklich waren. Obwohl sie nur einen Bruchteil von ihrer Regierung bezahlt bekamen, im Vergleich zu dem, was die DDR an das Regime des kommunistischen Nord-Vietnam zahlte. Denn die DDR war für sie schon ein Paradies. Trotz langer Schlangen und tagelangem Warten vor den staatlichen Läden haben sie am Ende bekommen, wovon sie in ihrem Land nur träumen konnten.
Eine Schriftstellerin, die Dương Thu Hương heißt, war ein Mitglied der vietnamesischen kommunistischen Partei. Wie viele andere folgte sie dem Ruf von "Opa Hồ" und der vietnamesischen kommunistischen Partei und drängte in die Republik Süd-Vietnam ein, um das süd-vietnamesische Volk zu "befreien", wie sie erzählt. Am 30.04.1975, als sie und die "Soldaten des Opa Hồ" der sogenannten "Befreiungsarmee" in Saigon einmarschierten, hatten sie die Wahrheit von Süd-Vietnam mit ihren eigenen Augen gesehen. Jahre später gelang es ihr Vietnam zu verlassen und sie lebt seitdem im Ausland. In einem Interview im Jahre 2006 in New York erzählte sie, wie am 30.04.1975 alle Menschen nach Saigon hineinstürmten. Die Leute aus dem Norden und die Genossen von ihr lachten wie wild und verrückt vor Glück, weil sie den Krieg gewonnen hatten und der Reichtum des Südens nun ihnen gehörte. In der Zeit, als alle anderen Leute vor Glück wie verrückt lachten, hatte sie nur wie verrückt geweint, wie um den Tod ihres Vaters und wurde von allen Leuten für verrückt gehalten.
Die Schriftstellerin: "Die Armee, die den Krieg gewonnen hatte, gehörte zu einem barbarischen System . . . . . . . . ich fühlte, dass ich meine Jugendzeit zu unrecht umsonst verloren hatte und war in einer verwirrten, bitteren Gefühlsstimmung . . . . . . ." Sie findet, dass das kommunistische Regime Nord-Vietnams ein Regime der Volksverdummung war und dem Volk ein bitteres und elendes Leben gebracht hat. Als sie noch in Vietnam lebte, hatte sie den Mut, die kommunistische Partei und deren Regime zu kritisieren. In einem Interview aus dem Jahr 2016 in Paris, wo sie lebte, erzählte sie, dass sie von den höheren Funktionären der kommunistischen Partei Vietnams und deren Regime beschimpft wurde als "con đỉ / die Nutte", die gegen die (kommunistische) Partei war. Diese Worte (con đỉ / die Nutte) kommen nur aus dem Mund von primitiven Leuten, die unkultiviert sind, Banditen und Zuhältern. Normalerweise, wenn man darüber spricht, dann nutzt man das Wort "gái mải dâm / Prostituierte". Ich bin entsetzt!

Es war gerade draußen dunkel geworden, wir waren auch gerade fertig mit dem Abendessen, meine Schwester spülte gerade das Geschirr ab und mein Vater machte das Radio wieder an. Wir alle waren still, nur die Stimme des Nachrichtensprechers im Radio war im Haus zu hören. Der Nachrichtensprecher kam aus dem Norden und sprach mit einem pathetischen Ton. Das war unerträglich.
An dem Tag hatte ich in der Firma erfahren, dass wieder ein Boot versucht hatte über die Seegrenze aus Vietnam zu fahren und es entdeckt wurde. Das beschlagnahmte Boot wurde von meiner Arbeitseinheit, der Flussspeditionsfirma der Stadt, übernommen. Es könnte das Boot gewesen sein, mit dem meine Brüder mitgefahren waren. Ich war den ganzen Tag in der Firma schon sehr unruhig und besorgt zugleich, als ich diese Nachricht bekam, aber meine innerlichen Gefühle sollte keiner bemerken und äußerlich versuchte ich mich ganz normal zu verhalten. Die Funktionäre hatten sich so gefreut, dass die Firma nun noch ein Boot mehr bekam, und man dadurch die Aufgabe der Partei, den Jahrestransportplan, noch früher erreichen konnte. Alle Arbeiter wie ich waren "natürlich auch sehr freudvoll" darüber. . . . . . . Als ich abends meinen Eltern davon erzählte, war die Stimmung im Haus sehr spannungs- und sorgenvoll, inbesondere bei meiner Mutter. Obwohl nur meine Eltern und ich von der Flucht der Familienmitglieder wussten, die anderen Geschwister waren bis zu der Zeit noch nicht eingeweiht.
In diesem angespannten Moment erschien plötzlich jemand vor dem Zaun der Terrasse. Wir waren ein wenig geschockt. Dann . . . . . . . hörten wir jemanden mit einem leisen Ton sprechen: "Große Schwester, große Schwester . . . ." Ich hatte ihre Stimme erkannt und sagte zu meinen Eltern: "Tante Năm". Meine Mutter: "Sie war vorgestern schon bei uns, ob sie schon gemerkt hat, dass . . . . . ." Meine Mutter hatte ein unsicheres Gefühl, weil normalerweise mein jüngster Bruder und der Neffe oft am Abend im Vorzimmer spielten, lachten und manchmal laut waren. Ohne die beiden sah es bei uns so leer aus. Mein Vater: "Lass sie sofort herein, die Leute sollten sie nicht draußen stehen sehen." Als Tante Năm in unser Haus herein kam, hatten wir gemerkt, dass sie spürte, vielleicht schon seit Tagen, dass es bei uns so leer war. Sie versuchte zu verbergen, dass sie etwas bemerkt hatte, aber wir hatten ihre wahren Gefühle in dem Moment schon mitbekommen. Meine Mutter lud Tante Năm auf eine Tasse Tee ein, den wir nach dem Essen noch übrig hatten.
Einen Gast auf eine Tasse Tee einzuladen war nach dem 30.04.1975 nicht mehr selbstverständlich. Es gab oft Stromausfall, wer elektrische Kochplatten besaß musste auch Kochherde mit anderen Brennmaterialien benutzen, z.B. Petroleum und Holzkohle, aber die gab es auch nicht so oft auf dem Schwarzmarkt, waren teuer und deshalb konnten sich viele das nicht oft leisten. Viele sammelten Holzzweige und trockenes Laub um es als Brennmaterial zu nutzen. Außerdem wurden alle privaten Geschäfte und Läden von den Behörden abgeriegelt und bewacht. Vom Regime bekamen die Menschen in der ehemaligen Republik Süd-Vietnam nicht mal genug Reis um satt zu werden, und das sogar nur in Tierfutterqualität. Tee . . . ja . . . . . Tee war ein Luxusgenussmittel geworden. Kaffee gab es schon gar nicht. Wer noch welchen von früher übrig hatte, konnte ihn nur noch sparsam genießen.
Mit einem besorgten und zornigen Ton wollte Tante Năm ihr innerliches Gefühl sofort herauslassen, weil sie es in ihrer Situation nicht mehr aushalten konnte. Meine Mutter: "Trink erstmal den Tee, wir haben ihn gerade nach dem Essen gekocht. Er ist noch warm . . . . . . . . . Schwester Năm, trink mal, bevor er kalt wird." Tante Năm trank dann den Tee aus und war ein wenig ruhiger geworden, dann erzählte sie unverzüglich, was sie von ihrer älteren Tochter Vân erfahren hatte, die bei den alten Bauern als Hilfskraft arbeitete: Die "30.04." forderten von den alten Bauern mehr "Kooperation" indem sie mehr Geld von ihnen verlangten, weil die "Schutz-Herren" auch mehr von den "30.04." haben wollten. Anderenfalls dürften die Bauern keine fremde Hilfe (außerhalb der Famillie) in Anspruch nehmen. Und wenn die Landflächen nicht erfolgreich bewirtschaftet würden, dann würden diese Flächen von dem Regime beschlagnahmt. Das war Unterdrückung und Drohung zugleich. Tante Năm: "Die leben schon von der Hand in den Mund, wie sollen sie noch mehr Geld abgeben können? Meine Kinder arbeiten hart und haben auch nicht mal eine Mahlzeit, von der sie richtig satt werden können. Die wollen uns in einen aussichtslosen Weg drängen, was sollen wir nur tun?" Tante Năm war plötzlich still und wir merkten, dass sie zornig war, aber größer als der Zorn waren ihre Sorgen um die Zukunft ihrer Familie . . . . . . . . . Es war still in dem Raum, so still und so eine drückende Stimmung.
Meine Eltern waren bekannt als gute Gastgeber und gute Zuhörer. Wir hatten viel Mitgefühl mit Tante Năm, aber in dem Moment hatten meine Eltern und ich kein Wort geäußert. Uns fiel nicht ein, was wir sagen sollten, weil wir in der Zeit, besonders an dem Tag, in unseren Gedanken bei meinen Brüdern, meiner Schwägerin und meinem Neffen waren, die sich auf der Flucht befanden. . . . . . . . . Tante Năm brach die Stille, sie sprach weiter mit einem leichten und traurigen Ton: "Die Polizei bei den Lagerhäusern war heute sehr aggressiv. Sie haben nicht nur die Kinder beim Reissammeln auf der Straße weggejagt, sondern sind auch hinter den Kinder hergelaufen und haben ihnen den Reis weggenommen. Beim Weglaufen hat sich mein jüngster Sohn Tấn an der Betonsitzbank am Ufer gestoßen und jetzt hat er ein geschwollenes Bein." Mein Vater: "Er sollte bei uns vorbeikommen. Wir haben das '红花油(hong hua you) / Rote Blumen Öl', das kann ihm vielleicht helfen" - Das "Rote Blumen Öl", ein Öl aus Singapur, war eine chinesische alltägliche Medizin, die fast alle Chinesen in ihrem Haushalt hatten. Es wirkt gegen Muskelschmerzen, Schwellungen, usw. - Tante Năm: "Ich hole ihn!"
Tante Năm kam mit ihrem jungen Sohn Tấn wieder zu uns. Nachdem das Bein von Tấn mit dem Öl eingerieben wurde, erzählte er laut und mit einem unzufriedenen Ton. Ich gab ihm ein Zeichen, dass er leiser sprechen sollte. Der junge Sohn von Tante Năm erzählte folgendes: Ein Polizist war hinter ihm her gelaufen und hatte ihm seine Tüte mit Reiskörnern, die er auf der Straße gesammelt hatte, weggenommen. Tấn: "Er hat mir die Tüte weggenommen und mich noch gestoßen, so dass ich auf die Ecke der Betonsitzbank gefallen bin. Anfangs hatte ich noch nicht so Schmerzen, aber jetzt habe ich sie . . . . . ." Der Neunjährige erzählte weiter mit einem begeisterten Ton: "Der Minh hielt seine Tüte ganz fest, er wollte nicht loslassen. Der Polizist schlug ihm ins Gesicht und beschimpfte ihn als Dieb. Minh hat dann ganz laut geweint. Der Trung schrie plötzlich ganz laut: 'Ihr seid auch Diebe, der Reis gehört auch nicht euch'. Die Polizisten wollten die beide wegziehen, aber die beiden weigerten sich mitzukommen, versuchten sich zu befreien und haben laut geschrien und geweint, so dass viele Leute aus ihrem Haus kamen und schauten" . . . . . . . Es war wieder still im Raum. Tante Năm sagte zu ihrem Sohn, dass er schon nach Hause gehen solle und sie würde nachkommen. Mein Vater: "Er sollte noch ein paar Mal zum Öl einreiben kommen, dann wird es wieder gut." Der Junge sagte: "Danke Tante, danke Onkel!", dann ging er.
Ich machte die Terrassentür zu, ging wieder ins Haus, in dem Moment sagte meine Mutter: "Früher haben wir uns nur Sorgen um die Kinder an der Kriegsfront gemacht, heute kommen die Sorgen von allen Seiten." Tante Năm zog ihren Stuhl nah zu meiner Mutter, nahm die Hand meiner Mutter in ihre Hände und sagte: "Wenn mein Mann, die Kinder und ich die Möglichkeit hätten, würden wir auch sofort dieses Land verlassen. . . . . ." Dann schaute sie kurz zu meinem Vater und dann wieder zu meiner Mutter: "Für die, die auf der Flucht sind, wünsche ich, dass sie viel Glück haben." Meiner Mutter kamen fast die Tränen und sie konnte kein Wort mehr sagen. Mein Vater auch nicht. Unsere Nachbarin verabschiedete sich von uns. Ich brachte sie zur Terrassentür. Es war schon dunkel und still draußen, nur die Mondsichel hing einsam am Himmel. Tante Năm und ich schauten nach links und dann nach rechts, dann ging sie schnellen Schrittes hinüber zu ihrem Haus. Als ich ins Haus kam, sagte mein Vater, dass Tante Năm die Abwesenheit meiner Brüder, der Schwägerin und des Neffen bereits bemerkt hätte und sich denken könnte, dass die Familienmitglieder auf der Flucht waren. Dieser Tag blieb mir noch jahrelang bis heute in meiner Erinnerung.

Mein Vater hatte auch am nächsten Tag von Onkel 邓康 (Deng Kang), einem vertrauten Freund unserer Familie und ehemaligem Vorstand der Reisträger-Gewerkschaft, erfahren und uns erzählt, dass bei den Lagerhäusern an dem großen Fluss auch Leute festgenommen wurden. Das waren nicht nur die Kinder, sondern auch die Reisträger. Als die Polizisten die Kinder beim Reissammeln auf der Straße festgenommen hatten, weinten und schrien die Kinder laut. Die Reisträger hatten gerufen, dass die Polizisten die Kinder in Ruhe lassen sollten: "Es sind nur Kinder, die haben nichts zu essen!", "Bitte lassen sie die Kinder frei!", usw. In dieser Stimmung hatten sich einige Reisträger untereinander unterhalten: "Die 'befreien' nicht uns, die 'befreien' unsere Güter, für sich natürlich!" "Für den Norden!" Einer der Reisträger mit einem ärgerlichen Ton: "'Befreien' . . . 'Befreien ist gut, Plünderei ist das!" "Bald haben wir nichts mehr zum essen, nicht mal in Schweinefutter-Qualität." . . . .usw. Die Polizisten hatten das mitbekommen und die Reisträger wurden auch abgeführt.
Mein Vater erzählte weiter: "Onkel Deng Kang hat auch gesagt, dass alle Lagerhäuser fast leer sind. Wenn die Ernte hier bei uns auch schlecht läuft, dann werden wir hier zuerst verhungern, weil die 'Genossen' die guten Qualitäts-Lebensmittel inklusive Reis, natürlich zuerst nach Norden hinter den 17. Breitengrad transportieren, insbesondere nach Hà Nội. Es würde für uns hier im Süden nur wenig übrig bleiben, um satt zu werden." Mein Vater weiter: "Die aus dem Norden sind gut im Krieg, aber haben wenig Ahnung von Agrarwirtschaft und Bewässerungssystemen für die Reisplantagen . . . . . . . . Das wissen schon alle Leute, auch sie selber. In der Zeit, in der sie den Angriffskrieg gegen Süd-Vietnam führten, wurden sie vor allem von der Sowjetunion unterstützt. China war auch dabei, bis 1973 China die Tür für die westliche Welt öffnete. Inbesondere China, China war in den 60er Jahren in einer Hungersnot. Trotzdem hatte China das kommunistische Vietnam an der Front und im Hinterland mit u.a. genug Lebensmitteln unterstützt, um dem kommunistischen Vietnam den Rücken frei zu halten, damit der Aggressor den Angriffskrieg konzentriert durchführen konnte." Mein Vater erzählte weiter, dass seit 1973 die "Genossen" des kommunistischen Vietnam China als "Verräter der internationalen kommunistischen Brüderschaft und Feinde der Arbeiterklassen" unflätig beschimpften. Besonders heftig seit dem Jahr 1978, weil China dem Land die Reform- und Öffnungspolitik bringe. Deswegen machten sich Onkel Deng Kang und ein anwesender Freund Sorgen um die Menschen mit chinesischen Wurzeln und Abstammung, die hier im Land lebten.

Das Abendessen stand schon auf dem Tisch. An dem Abend hatten wir nicht nur Gemüse, sondern sogar Fleisch, glücklicherweise direkt vom Bauern auf dem Schwarzmarkt. Das war unser erstes Essen mit Fleisch nach fast einem Monat. Die 300 Gramm Fleisch für alle Familienmitglieder, die noch bei meinen Eltern wohnten, kosteten mehr als 3 kg Fleisch vor dem 30. April 1975.
Mein Mutter wollte, dass wir das Essen zügig einnehmen, sobald es auf dem Tisch stand. Es könnte unangenehmen "Besuch" von "Genossen" geben, die direkt zur Küche hereinkommen, um neugierig zu schauen, was wir uns leisten können. . . . . . Beim Essen hörten wir dann plötzlich den Ruf von jemandem an der Terrassentür: "Ist jemand zu Hause? . . . . . .Hallo, ist jemand zu Hause?" Mein Vater gab mir ein Zeichen, dass ich nach vorne gehen sollte um zu schauen wer das war. Meine Schwester stellte den Teller mit dem Fleisch sofort in den Küchenschrank. An der Haustür sah ich die Frau Hai Thanh an der Terassentür stehen. Ich berichtete das sofort meinen Eltern: "Frau Hai Thanh". Meine Eltern waren erstaunt und überrascht zugleich: "Was will die denn von uns?".
Frau Hai Thanh wohnte in unserer Straße am linken Ende des Wohnblocks neben einer kleinen Gasse, an der auch ein großes Lagerhaus lag. Frau Hai Thanh, eine Frau, die für ihr Alter noch sehr schön anzusehen war, das sagten viele. Für mich hat die Frau nicht so viel unterschiedlich ausgesehen wie die anderen. Vielleicht war ich noch zu jung, um etwas für die Schönheit einer Frau oder das gute Aussehen eines Mannes zu empfinden. Wenn mir der Charakter eines Menschen gefällt, dann finde ich das irgendwie interessanter.
Frau Hai Thanh, über sie erzählte man, dass ihre Eltern in der Indochinazeit mit den Franzosen zusammen arbeiteten. Dadurch waren sie sehr reich geworden. Sie wurden von vielen Einheimischen als "Verräter des Vaterlandes Vietnam" betrachtet. In der Jugendzeit hatte Frau Hai Thanh die französische Kolonieschule in Saigon besucht, arbeitete später als Sekretärin bei der französischen Verwaltung, um dann mit einem französischen Offizier zusammenzuleben. Ob sie verheiratet waren, war in der vietnamesischen Gesellschaft nicht bekannt. Ihr "Mann", der französische Offizier, hatte angeblich für die beiden die kleine Villa gebaut, die heute noch dort stand. . . . . . . .
Als wir 1957 von der Provinz Ba Xuyen nach Saigon umgezogen sind, war diese Villa schon da. Im Jahr 1954 war die Indochinazeit zuende. Es entstand das kommunistische Nord-Vietnam und die Republik Süd-Vietnam und die französischen Kolonieherrscher zogen sich nach und nach nach Frankreich zurück. Darunter war auch Frau Hai Thanh's "Mann". Aber Frau Hai Thanh war in Saigon zurückgeblieben, aus welchem Grund weiß man bis heute nicht. Kurz danach heiratete sie einen vietnamesischen Französisch-Dolmetscher, Herrn Hai Thanh. Daher kam ihr Rufname: Frau Hai Thanh. Ihren einzigen Sohn hatte ich ab und zu auf der Terasse vor der Villa gesehen. Der junge Mann hatte einen blassen Teint und braunes Haar statt schwarzem. Die Leute tuschelten, der Sohn war von dem Franzosen und nicht von dem Vietnamesen, Herrn Hai Thanh. Das Ehepaar Hai Thanh lebte fast isoliert von der Außenwelt. Die beiden arbeiteten fast garnicht, der Sohn ging auch nicht zur Schule. Wahrscheinlich wurde er von den Schulkameraden dauernd gehänselt oder schikaniert. Man erzählte auch, dass Frau Hai Thanh von ihrem ersten "Mann" viel Geld hinterlassen bekommen hatte und deswegen Herr Hai Thanh sie geheiratet hat. Manche Leute meinten, dass sie ihr Vermögen als einziges Kind von ihren Eltern geerbt hatte. Frau Hai Thanhs ersten "Mann", den französischen Offizier, hatten ihre Eltern über die französische Koloniebehörde an sie vermittelt. Der "Mann" hatte es nur auf das Vermögen ihrer Eltern abgesehen, die auch die Villa finanziert hatten. Sie hatte ihn wegen ihrer Eltern und aus gesellschaftlichen Gründen "geheiratet" und weil sie keine andere Wahl hatte, so erzählte man sich. . . . . . . . .
Mit uns hatte die Frau Hai Thanh gar keinen privaten Kontakt. Vor 1975 nicht und auch nicht nach 1975. Wenn meine Mutter ihr vor 1975 ab und zu am Blumenstand auf dem Markt begegnete, dann gab es nur eine kurze Begrüßung. Einmal war ich zu dem großen Lagerhaus gegangen, vorbei an der Villa, sah dann den Sohn auf der Terrasse. Ich hatte ihn begrüßt, er schaute mich mit einem außergewöhnlichen Blick an. Irgendwie wollte er mir etwas sagen, dann ging er plötzlich ins Haus.
Meine Mutter ging sofort nach vorne, wollte sie gerade begrüßen und bitten Platz zu nehmen, aber die Frau Hai Thanh war schneller: "Frau Gruppenvorstand, geht es ihnen gut?" "Natürlich, ich kann nicht klagen. Gesund und zufrieden." Frau Hai Thanh starrte meine Mutter mit einem erstaunten Blick an. Mit ein bisschen Verzögerung sagte sie dann: "Ja, das hoffen wir alle." Dann fragte sie: "Gibt es Neuigkeiten?" Meine Mutter war unvorbereitet von der überraschenden Frage und fragte sich, was die Frau wohl wirklich wollte. Ich: "Was meinen sie für Neuigkeiten? Alle Informationen kann man durch die Behörden und das Radio bekommen." Frau Hai Thanh: "Nein, ich meine . . . . . ich meine, haben wir am nächsten Sonntag was zu tun?" "Hat ihr Gruppenvorstand sie noch nicht informiert? Auch diesen Sonntag soll von jeder Familie eine Person zur gemeinnützigen Arbeit gehen. Nachmittags ist Jugend- und Männerversammlung und abends die Frauenversammlung", sagte meine Mutter. Frau Hai Thanh: "Ah ja, . . . . . das habe ich schon gewusst. . . . ich meine . . . . ", Frau Hai Thanh lehnte sich zu meiner Mutter hinüber und sprach leise weiter "Haben sie nicht schon gehört, dass viele Leute versuchen das Land zu verlassen? Ich meine, über die Grenze zu flüchten. Auf dem Landweg nach China oder über Laos nach Thailand, viele versuchen ihr Glück auf dem Seeweg. . . . Ihr hattet doch eine Schiffsspedition." Ich musste sie sofort unterbrechen: "Unsere Schiffe haben wir der Regierung übergeben, um dem Volk und dem Land zu dienen. Wir haben natürlich auch die Radioberichte der Behörden mitbekommen, dass die Leute, die über die Landesgrenze flüchten am Ende im Gefängnis oder Arbeitslager landen." Meine Mutter: "Warum die Leute aus dem Land flüchten, ich verstehe das nicht." Frau Hai Thanh war zuerst still, dann sprach sie mit einem festen Ton: "Wenn die Bäume Beine hätten würden sie auch versuchen, das Land zu verlassen, flüchten." Die Frau verabschiedete sich wortlos, drehte sich um und ging.
Nach diesem Gespräch mit Frau Hai Thanh entschieden wir uns sofort dafür, dass meine Mutter sich am nächsten Tag bei den Behörden melden sollte, weil wir fürchteten, dass wir unsere Situation nicht mehr geheimhalten konnten. Wir konnten die ganze Nacht nicht mehr schlafen.

Am nächsten Tag ging meine Mutter zu der Behörde und fragte, ob sie wissen, wo die fehlenden Familienmitglieder seien. Weil, wenn sie sich vom Wohnort entfernen, mussten sie sich bei der Behörde gemeldet haben. Der Polizist hatte in das Protokollbuch geschaut und war empört: "Nein!" Meine Mutter tat verzweifelt und entsetzt und sagte nicht ganz wahrheitsgemäß: "Sie sind seit zwei Tagen nicht zurückgekommen. Ich hoffe, denen ist nichts zugestoßen. Wo sind sie? Wo sind meine Kinder?" Sie bat die Behörden darum, die Verwandten zu suchen und falls gefunden uns schnell zu informieren. "Ich hoffe, dass ihnen allen nichts passiert ist und sie gesund nach Hause kommen. Bitte helfen sie uns, bitte!"
Meine Mutter war noch ein paar mal bei der Behörde, um sich über den aktuellen Stand der Suche nach den "vermissten" Familienmitgliedern zu erkundigen.
Ein paar Monate später hatten wir eine kurze kodierte Nachricht erhalten, dass meine Brüder, die Schwägerin und der Neffe auf der malaysischen Insel Bidong von den Vertretern Amerikas und Australien in diese Länder abgeholt wurden, um dort ein neues Leben anzufangen. Das war eine große Erleichterung für uns. Trotzdem machten wir wegen der "verschwundenen" Familienmitglieder weiter Anfragen bei der Behörde, bis diese schließlich irgendwann die Ermittlungen einstellten.

Ein paar Monate nach dem Gespräch mit Frau Hai Thanh sahen wir, dass die Villa von ihr von den Behörden verriegelt wurde. Die Leute tuschelten, dass die Familie schon auf der Flucht war. Bis heute können wir immer noch nicht einschätzen, warum Frau Hai Thanh zu uns gekommen war, um so öffentlich ein Gespräch mit uns zu führen. Wie kam es dazu, dass sie sich uns anvertraut hatte? Hatte sie damals dringend eine Fluchtmöglichkeit gesucht und dachte, wir waren wie sie in derselben Notlage? Wenn, dann sind wir ihr etwas schuldig und hoffen, dass sie ein zufriedenes Leben im Ausland hatte. Bis heute spüre ich noch, dass Frau Hai Thanh einen außergewöhnlichen Charakter hatte und die gesellschaftliche Ausgrenzung nicht verdient hatte. In eine Familie als "Verräter des Vaterlandes" geboren, hatte das Schicksal ihre Zukunft vorausbestimmt. Vielleicht hatte sie für ihr Leben, wie sie es wollte, gekämpft, aber Mädchen und Frauen konnten in der Zeit ihr Leben nicht alleine bestimmen. Wie manche andere Leute hatte auch sie ein Schicksal, das sie nicht ändern konnte.


...wird fortgesetzt...



© CHAU TRAN (QING LIAN)

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