''Chau Tran''
© CHAU TRAN (QING LIAN)    ''Qing Lian''
© CHAU TRAN (QING LIAN)

CHAU TRAN, geboren 1949 in Süd-Vietnam als Sohn südchinesischer Eltern aus der Provinz Kanton, China.
Chinesischer Name Chen Ying Yi 陳英義, Künstlername QING LIAN 青濂.

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© CHAU TRAN (QING LIAN)



Mitten im Leben



Als wir am Strand liegen ist es gerade neun Uhr, nach einer kurzen Zeit kommen ungewöhnlich schnell viele Leute zu dieser Uhrzeit und der Strand ist total voll. Thomas: "Es ist Wochenende, wir haben vergessen, die Spanier haben ihren Strandtag." Die Spanier sind meistens sehr temperamentvoll, die Mänern irgendwie am diskutieren, die Frauen unterhalten sich, die Kinder spielen, lachen, schreien. Der Strand wandelt sich schnell von einer ruhigen zu einer lebendigen Bühne.

Plötzlich sehe ich jemanden uns zuwinken: "Ah! J. und B. ." Die beide kommen direkt zu uns, aber drängen sich mühsam durch die Massen der Menschen. J.ist Thailänder, B. ist Brite, einer ist Flugbegleiter Mitte zwanzig, einer ist Copilot Anfang Dreißig. Beide haben sich in Thailand kernengelernt und haben sich mehrmals hier in Sitges zum Urlaub verabredet. Viele würden die beiden attraktiv finden!
Wir sitzen zusammen auf zwei Liegestühlen. B. ist ein unternehmungslustiger Typ, erzählt uns lästernd was so passiert ist, aber meistens nur um zu lachen. J. ist ein eher leiser Typ und erzählt nicht viel. Er fragt uns, ob wir nach Thailand reisen. B: "Als Europäer wurde ich oft in Thailand gefragt, ob ich Sex haben möchte, sogar mit Kindern." J: "Weil viele Sextouristen aus westlichen Ländern nur Sex mit Minderjährigern und Kindern haben wollen, die Teufel." J. hat auch schlechte Erfahrungen mit westlichen Sextouristen gemacht. Er erzählt weiter: "Wenn ich den Sextouristen irgendwo auf der Straße begegne, versuchen sie mit Geld Sex mit mir zu kaufen, aber sehr aufdringlich." Nach einer Atempause erzählt J. weiter: "Ich wuchs in einer Familie der Mittelschicht auf. Meine Eltern haben für meine jüngere Schwester und mich gesorgt, so dass wir von allem genug hatten, was wir benötigten und nicht in der Hand der Teufel landen mussten."

Die beiden sind "Szenegänger", sie gehen erst morgens um vier oder fünf Uhr ins Bett, gefrühstückt wird fast am Mittag und Adendmahl gibt es dann natürlich nicht vor neun Uhr abends. Einmal haben J. und B. uns die Nachtszene von Sitges gezeigt, erst nach Mitternacht kann man die Tanzlokale betreten. Es war so laut in solchen Lokalen, das wir das nicht lange aushalten konnten. Deshalb gehen wir mit den beiden lieber nur ins Café oder in eine Bar, bevor sie in das Nachtleben abtauchen!

J. und B. sind nette Menschen, für ihre tägliche Arbeit in der Höhe brauchen sie viel Konzentration und möchten sich im Urlaub einfach ausleben. Für Thomas und mich ist das nichts, aber jeder Mensch hat das Recht sein Leben so zu führen, wie er möchte. Im Leben gibt es für mich kein "absolut"! Die beide wissen, dass es heute am Strand sehr voll ist, haben sich auch Mühe gegeben früh zum Strand zu kommen, trotzdem finden sie keinen Platz mehr. Bei der Unterhaltung mit den beiden vergeht die Zeit so schnell. Wir verlassen den Strand und J. und B. übernehmen unseren Liegestuhl. Kurz zurück zum Hotel und nach dem Mittagessen (gewöhnlich bei einem chinesischen Restaurant mit einer freundlichen und lustigen Inhaberin) verweilen wir an der Uferpromenade.

Es ist für uns wieder ein Strandtag. Wir stehen normalerweise früh auf, nach dem Frühstück gehen wir direkt zum Strand. Kurz vor Mittag verlassen wir den Strand und gehen zurück zum Hotel, bevor die Massen von Sonnenhungrigen kommen und sich als Sardine in der Büchse präsentieren.

Auf dem Weg wieder in die Stadt für ein kleines Mittagessen möchte Thomas für mich ein Andenkenfoto mit der bekannten Kirche von Sitges im Hintergrund haben. Ich stehe schon bereit, da muss ich plötzlich lachen: Heute lagen wir schon entspannt am noch fast leeren Strand auf der Liege und lasen, da kam ein Ehepaar in unsere Nähe. Der Mann hatte Strandtaschen und sonstige Strandutensilien und diese der Frau übergeben, dann fing er an die Liegestühle, Matratzen usw. zu richten. Nun hörten wir von der Frau: "Nein, nicht der, der andere, der zweite von hinten . . . . . . Ja, der . . . . Nein, die ist so schmutzig, auf der können wir nicht liegen . . . . . . . . . . Die Sonne kommt später aus dieser Richtung, die Liege muss andersherum stehen . . . . . ." Plötzlich drückte die Frau alle Sachen dem Mann wieder in die Hand und sagte: "Hier, nimm Du die Sachen . . . . . . . . so . . . . . . . . . so . . . . . und so, so soll das sein." Die Frau bemerkte, dass auch wir anwesend waren, da drehte sie sich zu uns, sah, dass wir deutsche Tageszeitungen lesen und sagte auf deutsch zu uns: "Wie kann ich mit diesem Mann schon über dreißig Jahre zusammenleben." Wir reagierten noch nicht, da schaute der Mann auch zu uns herüber und lachte: "Wie kann ich es mit dieser Frau schon über dreißig Jahre aushalten." Wir mussten nun lachen und die beiden lachten auch mit.
Die Frau ging plötzlich zu uns und reichte uns die Hand: "Hallo, Helga." Der Mann schloss sich an: "Hallo, Joachim." Wir stellten uns auch vor. Die Stimmung entspannte sich. Auf die Frage: "Wie kommt ihr beide zusammen und heiratet?" antwortete der Mann sofort: "Ich wollte nicht, aber sie war ständig hinter mir her." Die Frau stieg sofort ein:"Aber was ich koche hat Dir gut geschmeckt." Der Ehemann schaute zu uns und sagte: "Das stimmt!" Ich sagte: "Niemand ist perfekt, man kann im Leben nicht alles haben." Der Mann erwiderte: "Ja, das ist richtig!" . . . . . . . Dann hatten wir uns weiter mit dem Ehepaar über dies und das des Alltags unterhalten. Als wir am Mittag den Strand verliessen, hatten wir den beiden noch einen schönen Urlaub gewünscht und auch ihre guten Wünsche entgegengenommen.

Im Nachhinein finde ich das Ehepaar sehr ehrlich und sympathisch. Es gibt andere Leute, die sich in der Öffentlichkeit wie ein glückliches perfektes Paar, wie ein glänzender Apfel präsentieren, aber in Wirklichkeit ist der Apfel innen verfault. Außerdem soll man lachen, solange man noch lachen kann. Man weiß nicht, wie lange die Welt noch in Ordnung ist. Man soll soviel atmen solange man noch atmen kann . . . . . . Kann sein, dass man morgen oder übermorgen schon nicht mehr atmen kann. Oder dass man atembare Luft bezahlen muss, so wie Trinkwasser heute.

Lao-Tse: "Ein reicher Mensch ist einer, der weiß, dass er genug hat." Und ich meine, was man loslassen soll, soll man loslassen. Der Versuch dauernd festzuhalten kann umgekehrt die gegenteilige Wirkung haben, besonders gilt das für Macht und Karriere.

- im Jahr 2015 - Chau Tran (Qing Lian)



(Siehe auch Dokumentation/2001/Reise/Spanien)



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